Gesundheits-Info Februar 2006

Entschleunigung

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Entschleunigung - ein wichtiges Thema in dieser stressigen Zeit. Wer kennt es nicht: man treibt sich selbst an und übt enormen Druck aus, um möglichst viel zu schaffen. Das Phänomen: man gewinnt keine Zeit, sondern: die Zeit zerrinnt. Durch den Stress, den man selbst erzeugt, entfernt man sich von sich selbst und damit auch von seiner Kraft. Ungleichgewicht, Disharmonien und Krankheiten sind die Folge. Die Lebensfreude nimmt ab, die Lebensqualität verringert sich.

Qualität statt Quantität!

Anselm Grün sagt in seinen drei folgenden Texten, dass nur der ein erfülltes Leben haben kann, der zu seinem eigenen individuellen Rhythmus findet. Dazu gehört Vertrauen - und die Bereitschaft, sich selbst und die Dinge so anzunehmen, wie sie sind. Durch das Annehmen entwickelt sich Gelassenheit und Akzeptanz: man lernt alles so anzunehmen, wie es ist.

Alles darf so sein, wie es ist!

Zeit gewinnt nur der, der in jedem Moment bewusst ist. Durch Präsenz und bewusstes und achtsames Handeln 'verlangsamt' sich die Zeit. Dies geschieht nur dadurch, dass man den Augenblick so annimmt, wie er ist - ohne ihm entfliehen zu wollen, ohne in der Zukunft oder Vergangenheit zu verweilen. Durch dieses Annehmen, diese Achtsamkeit stellt sich Lebensgenuß und Lebensqualität ein. Jeder kann lernen, achtsam und aufmerksam zu leben, bewusst zu handeln, bewusst zu essen, bewusst Auto zu fahren, bewusst spazieren zu gehen usw. Jede Tätigkeit eignet sich dafür, Achtsamkeit und Bewusstheit zu üben. Halten Sie inne - und probieren Sie es aus!

Mehr dazu finden Sie in diversen Büchern zum Thema Meditation, z.B.
Gesund durch Meditation von Jon Kabat-Zinn oder
Meditation der Achtsamkeit von Stephen Levine.

Nun folgen drei Texte von Anselm Grün:

Entschleunigung

'Wer vertraut, der wird nichts beschleunigen wollen' (Jesaja 28,16)

Nicht nur in der Wirtschaft, in allen Bereichen der Gesellschaft wird immer mehr beschleunigt. Weise Menschen setzen auf Entschleunigung. Dahinter steht die Erkenntnis, dass der Mensch krank wird, wenn sein Leben immer schneller wird. Der Prophet Jesaja hat schon vor 2700 Jahren erkannt, dass der Grund aller Beschleunigungen und Hast mangelndes Vertrauen ist. Wer vertraut, der lässt die Dinge, wie sie sind. Er traut dem Wachstum, das im Wesen der Dinge liegt. Die Pflanze wächst nach ihrem inneren Gesetz. Auch der Mensch hat seinen Rhythmus, der für sein Leben passt. Wenn dieser Rhythmus immer schneller wird, kommt die Seele nicht nach. Sie wird verwirrt.

Wer meint, er müsse immer schneller werden, wird letztlich von der Angst getrieben. Die Angst ist die Triebfeder der Beschleunigung. Wer Angst hat, kann nicht stehen bleiben. Er kann nicht warten. Er kann nicht zuschauen. Er muss alles selbst in die Hand nehmen, weil er meint, sonst würden die Dinge sich seiner Hand entziehen. Er misstraut allem, was er nicht selber tut. Und er hat Angst vor den Unterbrechungen des Alltags. Da würde er ja mit sich selbst konfrontiert werden. Doch das kann er nicht aushalten, also muss er immer tätig sein, immer etwas in der Hand haben, was er vor sein Herz halten kann, damit er die Unruhe und Ängstlichkeit seines Herzen nicht wahrnimmt.

Geschenkte Zeit

'Man verliert die meiste Zeit damit, dass man Zeit gewinnen will', hat ein kluger Mann gesagt.

Zeit ist Geld. Das ist unser heutiges Motto. Die Arbeit wird nach Minutentakt eingeteilt. In die kurze Arbeitszeit wird alles hineingepackt, damit sie möglichst effektiv wird. Doch mit der gewonnenen Zeit können die Menschen meist nichts anfangen. Sie können die Zeit nicht genießen, sondern packen in ihre Freizeit möglichst viele 'Events' hinein. Es muss auch in der Freizeit etwas los sein. Man muss die Zeit nutzen. Doch wenn man beobachtet, womit die Zeit genutzt wird, so merkt man, dass es entweder andere Tätigkeiten sind oder aber Vergnügen. Doch bei den vielen Aktivitäten kommt oft nichts heraus. Und die Vergnügen verhelfen nicht wirklich zur Ruhe. Auch in der Freizeit findet der Mensch keine Ruhe. Er lenkt sich nur ab. Er läuft vor der eigenen Wahrheit davon. Ruhe findet nur, wer sich seiner inneren Wirklichkeit stellt und sie bejaht, wie sie ist.

Wer Zeit gewinnen will, muss keine Zeitstrategien entwickeln, wie es im heutigen Management üblich ist. Es gewinnt derjenige am meisten Zeit, der in jedem Augenblick präsent ist. Für den gibt es keine verlorene Zeit. Für den ist jede Zeit erfüllte Zeit.

Ganz gleich, ob er arbeitet oder nichts tut, ob er liest oder Musik hört, ob er spazieren geht oder mit seinen Kindern spielt, er ist ganz in dem, was er tut. Er spürt das Geschenk der Zeit, für ihn ist alles geschenkte Zeit. Er muss die Freizeit nicht der Arbeitszeit abzwingen, für ihn ist jede Zeit freie Zeit, Zeit zu leben.

Wer hetzt, der hasst sich selbst

'Nimm dir Zeit - und nicht das Leben!'

Was die Verkehrswacht als Motto - und als Aufforderung für bedächtigeres Tempo beim Autofahren - formuliert hat, das birgt eine tiefere Wahrheit in sich. Wir dürfen uns die Zeit nehmen. Sie liegt uns bereit. Wir brauchen sie nur ganz bewusst zu ergreifen, wir brauchen sie nur ganz bewusst zu erleben. Dann nehmen wir uns Zeit, dann genießen wir die Zeit. Sich das Leben nehmen hat in Deutschland eine andere Bedeutung: Suizid. Wer sich keine Zeit nimmt, der verdirbt sich das Leben und oft genug bezahlt er seine Ruhelosigkeit und Hetze mit dem Leben. Wer hetzt, der hasst sich selbst. Er lebt nicht für sich, sondern gegen sich. Er verwechselt Leben mit Hast und Hetze. Das führt häufig zu Schlaganfall und Herzinfarkt. Das, was man mit der Hetze erreichen wollte, wird einem jählings aus der Hand gerissen. Wer sich dagegen Zeit nimmt, der hat mehr Zeit für das, was er im Leben verwirklichen möchte. Er wird ruhig an sein Ziel kommen. Er erlebt schon seine Lebensfahrt als Vergnügen und braucht sich nicht nach einer anstrengenden Fahrt zu erholen.

Wer leben will, muss sich Zeit nehmen. Ohne Zeit gibt es kein Leben. Das Leben vollzieht sich in der Zeit. Und nur wer sich auf seinen ihm angemessenen Zeitrhythmus einlässt, schwingt sich in das Leben ein, das für ihn stimmt.

Unruhe gehört zwar zu unserem Leben. Und sie treibt uns an, weiter zu wachsen, nicht zu früh uns zur Ruhe zu legen, sondern wirklich zu leben. Aber dann braucht es auch wieder Phasen der Ruhe, in denen sich etwas setzen kann. Sonst verselbständigt sich die Unruhe. Manchmal braucht die innere Unruhe gerade Zeiten der äußeren Ruhe, damit sie sich überhaupt zu Wort melden kann. Da bedarf es dann eines längeren Rückzuges, um die leisen Impulse zu hören, die einen beunruhigen und einem zeigen, dass das, was man gerade lebt, so nicht mehr stimmt.


Die drei Texte sind aus dem Buch der Lebenskunst von Anselm Grün im Verlag Herder Freiburg entnommen.


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