Gesundheits-Info Dezember 2005

Körperwahrnehmung in westlicher und
östlicher Tradition und Modern Style Tai Chi

Diskussionsbeitrag von Alexander Kron
www.modernstyle-taichi.com
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Haben wir vielleicht mehr als nur eine Möglichkeit, unseren Körper bewusst wahrzunehmen? Wie ist das Verhältnis zwischen bewusster Körperwahrnehmung und 'traditioneller' beziehungsweise 'moderner' Denkweise? Um diese Hintergründe zu beleuchten, blicken wir zurück in das antike Griechenland, die Geburtsstätte der westlichen Kultur und des Geistes der westlichen Zivilisation. Die antiken griechischen Denker, allen voran Aristoteles (384 - 322 v. Chr.), haben in ihren Betrachtungen und Gedanken den Begriff 'Logos' geprägt. Aus diesem Wort leitet sich 'Logik' ab, und ein Denkvorgang, den wir als 'logisches Denken' bezeichnen, auch 'funktionales Denken' beziehungsweise 'begriffliches Denken' genannt. Aber was ist mit logischem Denken gemeint? Dafür wiederum betrachten wir unsere eigene Gedankenwelt: Wir können Gedanken-Bilder haben, also Vorstellungsbilder 'produzieren'. Und wir können auch Gedanken haben, die begrifflich beziehungsweise funktional sind, das heißt Gedanken, die keinerlei 'Vorstellungsbilder' beinhalten.

Wir unterscheiden somit zwei Möglichkeiten, Gedanken zu haben:

1. Gedanken in Vorstellungsbildern

Vorstellungskraft beziehungsweise assoziatives Denken
(assoziieren = Gedankenbilder miteinander verknüpfen)

2. Logische Gedanken

Aristoteles bezeichnete nur das logische Denken als Denken. Vorstellungsbilder und das Verknüpfen von Vorstellungsbildern (Assoziieren) bezeichnete er als der Vorstellungskraft zugehörig. Wenn wir uns zum Beispiel einen Menschen vorstellen, das heißt uns ein Bild von ihm machen und uns so an ihn erinnern, so setzen wir in diesem Fall die Vorstellungskraft ein. Wir können aber auch an diesen Menschen denken, ohne ein Vorstellungsbild zu produzieren. Unser logisches (funktionales, begriffliches) Denken vermittelt uns in diesem Fall eine Ahnung oder ein 'Erinnerungsgefühl' von diesem Menschen. Es verhält sich ungefähr so: Ein Vater, der sein nun groß gewordenes Kind seit vielen Jahren nicht zu Gesicht bekam und auch kein Foto sah, könnte in dieser Form an sein Kind 'denken'. Oder ein Blinder 'denkt' in dieser Art an seine Mitmenschen. Aber wer von uns kann seine Gedanken schon unterscheiden? Wer von uns weiß oder erkennt schon, wie er selbst 'denkt'? Wir denken einfach - so oder so! Bei uns Menschen ist die 'Zusammensetzung des Denkprozesses' von Vorstellungskraft einerseits und logischem Denken andererseits durchaus sehr unterschiedlich. Die eine Person denkt vorwiegend in Vorstellungsbildern, während die andere Person hauptsächlich logisch denkt. Jahrelange Recherchen haben ergeben, dass es von außen betrachtet kaum möglich ist, einen Menschen dahin gehend oder dorthin gehend festzulegen. Denn auch die Vorstellungskraft kann dem Zuhörer und Betrachter vermitteln, dass logisch 'gedacht' würde. Und umgekehrt kann der logische Denkvorgang dem Zuhörer und Betrachter den Einsatz von Vorstellungskraft 'vorgaukeln'.

Nun ist im antiken Griechenland mit dem Aufkommen und der Definition des logischen Denkens auch gleichermaßen ein bestimmter Körperkult eingetreten, den es vorher so nie gab. Es wurde zum Beispiel der 'Sport' definiert. Schönheitsideale und eine neue körperliche Ästhetik wurden gestaltet.

Diese Entwicklung, wie sie im antiken Griechenland vor sich ging, gab es im alten China nicht. Hier wurden die alten Traditionen fortgeführt, die alten Bräuche weitergelebt. Hier galt weiterhin ein anderer 'Körperkult', der sich unter anderem ausdrückte über das jahrtausendealte Qigong und die ebenfalls jahrtausendealten traditionellen chinesischen Kampfkünste. Ebenfalls findet der alte Körperkult seinen Ausdruck durch das traditionelle Taijiquan, das ja aus diesen Kampfkünsten hervorging.

Dies alles gehört zum kulturellen Erbe des alten China. Im Grunde genommen erhielten sich durch diese traditionellen Praktiken die alten menschlichen Denk- und Körperwahrnehmungsformen und die damit verbundene Körperkultur bis zum heutigen Tage. Genauso wie wir zwei Möglichkeiten besitzen zu denken, haben wir auch zwei Möglichkeiten, unseren Körper bewusst wahrzunehmen. Dieses Bewusstsein, dieses 'Selbstbewusstsein' über unsere Körper steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Zusammensetzung des Denkprozesses von logischem Denken einerseits und assoziativem Denken andererseits. Vorstellungskraft, also das Denken in Vorstellungsbildern, ist immer visuell. Denn das Gedankenbild/das Vorstellungsbild, auch wenn es nur in unserem Kopf existiert, wird ja 'gesehen'. Hätten wir nun ausschließlich die Möglichkeit, unseren Körper über diesen Teil des 'Denkens' wahrzunehmen, so würden wir ihn visuell wahrnehmen. Eine andere Möglichkeit gibt es für die Vorstellungskraft nicht.

Das heißt ganz konkret: Wir würden uns ausschließlich in einer inneren Selbstbeobachtung körperlich wahrnehmen können. Diese innere Selbstbeobachtung beinhaltet keinerlei Körpergefühl! Das Körpergefühl selbst ist bei dieser Art der Körperwahrnehmung ausgeschlossen. Die Körperwahrnehmung über die (innere) Selbstbeobachtung und die Körperwahrnehmung über das Körpergefühl sind grundsätzlich verschieden.

Wenn wir nun anfangen uns zu bewegen, uns choreographisch bewegen wie beim Taiji-Training, tritt unser Körper stark in unser gedankliches Bewusstsein. Wir müssen nun 'denken' um uns in Bewegungssequenzen zu bewegen. Die traditionelle Taiji-Praxis verwendet ausschließlich Vorstellungsbilder und damit die innere Selbstbeobachtung zum Anleiten der Bewegungen. Das ist zum Ersten darin begründet, dass die alten Chinesen erkannten, dass die Vorstellungskraft eine enorme Kraft ist, die eingesetzt werden kann. Wie zum Beispiel beim Phänomen des 'Feuerlaufens', wo eine Person über glühende Kohlen laufen kann, ohne sich zu verbrennen. Diese Person verwendet dann beispielsweise das Vorstellungsbild von 'kalt' oder 'Kälte' und verbrennt sich dadurch nicht. Hier wird im Grunde genommen das logische Denken - und auch das Körpergefühl! - unterdrückt, das uns in diesem Falle ja sagen würde: 'Nein, geh nicht auf die glühenden Kohlen, da verbrennst du dich!' Auch die gängige Praxis der Kampfkünste, Ziegelsteine oder Ähnliches durchzuschlagen, beruht immer auf dem Einsatz von Vorstellungskraft. Dieses ernorme Kraftpotenzial, das in der menschlichen Vorstellungskraft ruht, wollten die alten Chinesen in ihren Kampfkünsten und bei der Heilung von Krankheiten einsetzen.

Zum Zweiten hatten die alten Taiji-Meister das logische Denken nicht so klar definiert, wie es im antiken Griechenland der Fall war. Oftmals sahen sie darin sogar nur eine 'Blockade' für die Entwicklung der für die Kampfkünste scheinbar interessanteren Vorstellungskraft. Denn richtigerweise bemerkten sie, dass je mehr Logik und damit Körpergefühl entwickelt wurde, desto geringer erschienen die Kräfte, die für die traditionellen Kampfkünste erforderlich waren. Nun ergibt sich die Antwort zur eingangs gestellten Frage: Ja, wir haben zwei Möglichkeiten der körperlichen Selbstwahrnehmung und wir haben durch die Einsatzmöglichkeit unseres Denkens die Auswahl. Allerdings hat diese traditionelle Art der Körperwahrnehmung und Bewegungsführung durch Selbstbeobachtung exzessiv ausgeführt zur Folge, dass dabei das Körpergefühl sehr stark unterdrückt wird. Ebenso muss das logische Denken der wachsenden Vorstellungskraft weichen. Denn Vorstellungskraft und logisches Denken reagieren aufeinander: Wo das eine zurückgedrängt wird, wird das andere den Platz einnehmen. Genauso verhält es sich mit dem Körpergefühl und der inneren Selbstbeobachtung: Wo das eine sich Platz verschafft, muss das andere weichen. In der heutigen westlichen Zivilisation ist ein rein auf Vorstellungskraft und Körperkontrolle durch Selbstbeobachtung geführtes Leben, wie es die traditionellen Lehren vorschreiben, nicht ratsam - und wäre sogar schädlich. Nun kommen wir zum Modern Style Tai Chi, einem von mir neu entwickelten modernen Taiji-Training, das Körpergefühl mit ins Spiel bringt - ja bei dem es ein maßgebliches Trainingsziel ist, mehr Körpergefühl zu entwickeln. Aber wie kann eine streng assoziative Lehre wie das traditionelle Taiji-Training in ein modernes Taiji-Training umgewandelt werden? Sicher ist, dass durch Selbstbeobachtung kein Körpergefühl entstehen kann. Körpergefühl ist nicht visuell, das heißt, es kann im Training nicht mit Visualisationen und Vorstellungsbildern angesprochen werden. Denn es ist ein Gefühl. Dieses Gefühl kann im Training nur erreicht und angesprochen werden mit einem Denkvorgang, der nicht visuell ist, nämlich dem 'logischen Denken'. Logische und funktionale Trainingsanweisungen des Trainers oder der Trainerin sind hilfreich, aber erfahrungsgemäß nicht genug, um das Körpergefühl im Taiji-Training effektiv zu entwickeln. Das effektivste Mittel ist die Musik, und zwar Musik mit Takten. Melodien allein ohne Takte sprechen das Körpergefühl nicht an. Wir verwenden für das Modern Style Tai Chi Training einen 5/4 Takt in einer bestimmten Taktdauer. Dieser Takt, also der Takt mit fünf Zählschlägen, hat die Fähigkeit, beim Umsetzen in körperliche Bewegung eine spezifische ausgeglichene Körperspannung zu fördern und zu unterstützen. Innerhalb dieser ausgeglichenen Körperspannung lassen sich die fließenden Taiji-Bewegungen wunderbar ausführen. Die Bewegungen des Modern Style Tai Chi werden im Takt ausgeführt. Auch der Atemrhythmus erfolgt im Takt der Musik, ausgenommen in speziellen schnellen choreographischen Modern Style Tai Chi Entwicklungen. Während des Trainings addiert das logische Denken unbewusst die gehörten Töne in Takte. Diese werden dann direkt mit dem Körpergefühl umgesetzt in körperliche Bewegung. Hören - Addieren - Fühlen - Tasten erfolgen im Idealfall ohne Zuhilfenahme von Vorstellungsbildern. Über die Musik findet jeder interessierte moderne Mensch einen ganz unkomplizierten Zugang zum Taiji beziehungsweise zum Modern Style Tai Chi. Hierbei entwickelt der Modern-Style-Tai-Chi-Praktizierende geradezu mehr Körpergefühl und weniger 'Selbstbeobachtung' da ja nun die Bewegungsführung aus dem logischen Denkvorgang unter Zuhilfenahme von Musik im 5/4 Takt heraus gestaltet wird. Dabei erhält der gesamte Körper eine optimale Körperspannung und Spannkraft. Und wir erhalten eine entsprechend andere, im Übrigen sehr befriedigende körperliche Wahrnehmung und Ästhetik - vergleichbar mit der, die seinerzeit in der antiken griechischen Kultur erstmalig auftrat.

Der Einsatz und die Einführung der Logik, des logischen Denkens, veränderte die antike Körperkultur und ebnete den Weg zu bewusster körperlicher Wahrnehmung über das Körpergefühl. Die innere Selbstbeobachtung, die bis dahin einzig mögliche bewusste Körperwahrnehmung, hatte ihren Counterpart erhalten. Dass die Lebensenergie 'Qi' (auch: Atem) ausschließlich über die Vorstellungskraft trainiert werden kann, ist der große Irrtum der alten chinesischen Taiji-Meister. Die von der Vorstellungskraft geweckten Kräfte sind nur ein Teil des menschlichen Potenzials - eben nicht alles!

Der heutige Mensch, der sich den Anforderungen der westlichen Zivilisationen stellen muss - übrigens auch im China der heutigen Zeit - muss ja umso mehr auf eine innere Balance aller seiner Kräfte und Ressourcen hinarbeiten. Dabei kann das Training des Modern Style Tai Chi unterstützend und ausgleichend wirken.


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