Gesundheits-Info Oktober 2005

Taijiquan und Qigong für sogenannte Behinderte

'Nicht kämpfen gegen, sondern kämpfen für...'

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Nicht kämpfen gegen sondern kämpfen für... ( PDF, 322 KB )
Vortrag von Dietlind Zimmermann anlässlich der Tagung 'Kampfkunst und Behinderung' 2001 in Freiburg


Vorweg zwei Thesen:

- Ein Kampfkünstler bzw. eine Kampfkünstlerin zeichnet sich in erster Linie durch die Fähigkeiten des Herzens und des Geistes aus und erst in zweiter Linie durch körperliche Fertigkeiten.

- Von größter Bedeutung ist die innere Haltung, mit der wir einer Situation begegnen.

Die theoretischen Gedanken zu diesen Thesen werden meinen Vortrag einleiten.
Dann möchte ich Euch in die Praxis führen und Euch mit der Lebensgeschichte eines Mannes bekannt machen, der das Leben im Rollstuhl mit dem Herzen eines Kriegers und dem Geist eines Kampfkünstlers meisterte.

'Kämpf Dich frei' ist das Motto dieser Tagung zum Thema Kampfkunst, Körperarbeit und Behinderung und der Eröffnungsvortrag stand unter der Überschrift 'Den Kampf gegen Stigmatisierung, Ohnmacht und Abwertung von Behinderten Aufnehmen'.

Das warf in mir Fragen auf:

- Muss ich gegen etwas kämpfen, um frei zu sein?

- Wie behindert bin ich / sind wir und wodurch werden wir behindert?

- Durch äußere Einschränkungen oder durch innere?

- Sind 'Behinderte' nicht frei?

Und: Macht es einen Unterschied, ob ich gegen oder für etwas kämpfe? Ist es nicht dasselbe, für eine 'gute Sache' oder gegen die Hindernisse, die einer guten Sache entgegenstehen, zu kämpfen?

Und aus vielen gelebten Erfahrungen kam die Antwort: Ja, es macht einen Unterschied, ob ich gegen oder für etwas kämpfe. Und dieser Unterschied ist durchaus wesentlich.

Diesen Unterschied zu kennen und damit bewusst umzugehen ist meiner Meinung nach ein wichtiger Aspekt innerer Kampfkunst - einer Kampfkunst, die sich mit dem Wesen des Kampfes auseinandersetzt: mit den Faktoren, die Konflikte entstehen lassen, mit den Faktoren, die den Verlauf eines Konfliktes oder Kampfes beeinflussen.

Nur mit Kenntnis und Verständnis dieser Faktoren kann ich sinnvoll auf diesen Prozess Einfluss nehmen. Nur so kann ich gezielt mein Verhalten wählen, um einer wachsenden zerstörerischen Entwicklung Impulse zu einem Richtungswechsel zu geben.

Innere Kampfkünste lehren uns nicht nur Techniken, sie lehren uns zu erkennen, wie unsere innere Haltung unser Tun beeinflusst. Mehr noch als das 'Was' scheint das 'Wie' unseres Handelns von Bedeutung zu sein!

Ein Beispiel: Thomas Brendel, Aikido- und Taiji-Lehrer, sowie Leiter des Dojos auf Schloss Haldem (geschlossene Abteilung der forensischen Psychiatrie) lehrt in seinem A.K.T. (Affekt-Kontroll-Training), dass exakt die gleiche Kampfkunsttechnik, mit der ich einen tödlichen Angriff ausführen kann, geeignet ist, diesen Angriff friedlich abzuwehren - entscheidend ist allein die unterschiedliche Absicht, mit der die Technik eingesetzt wird.

Ein anderer Hinweis: Einer der großen Lehrer des Taijiquan, Master Chen Man Ch'ing , prägte den Ausdruck 'Investigate in loosing', im Deutschen gern mit 'ins Verlieren investieren' übersetzt. Was ist damit gemeint?

Dieser Satz bezieht sich auf eine der grundlegendsten Regeln des Taijiquan: niemals einer Bewegung oder einem Impuls, der auf mich einwirkt, Widerstand entgegen setzen!

Die Kunst eines echten Taiji-Spielers besteht darin, zu 'führen', indem man mitgeht. Keine leichte Aufgabe, zugegebenermaßen. Aber lohnend. So verwandle ich im geglückten Fall also einen Gegner in einen Mitspieler! Nicht schlecht, oder?

Das hört sich aber schnell nach hehren Idealen an, die mit dem Alltag nicht zusammenpassen wollen. OK: Vielleicht kann ich lernen, verbalen und körperlichen Attacken mit Gelassenheit / Nachgiebigkeit / Zentriertheit etc. kraftvoll zu begegnen. Aber gegen meine Behinderung - zum Beispiel im Rollstuhl sitzen zu müssen, mich auf der Straße dumm anglotzen lassen zu müssen, keinen Arbeitsplatz zu bekommen - dagegen muss ich doch ankämpfen, oder?

Muss ich?

Warum lehrt der Taiji-Meister seine Schüler, nicht gegen etwas zu kämpfen, keinen Widerstand aufzubauen?

Weil es Energieverschwendung ist!

Qigong ist eine gute Methode, ein besseres Gespür dafür zu entwickeln, wie es um meine eigene Energie bestellt ist und wie sie in Wechselwirkung mit der Welt, die mich umgibt, steht. Ich lerne, wie hoch mein Energiepotential wirklich ist, ich lerne, wie ich es aufbauen kann und wodurch es geschwächt wird. Ich lerne die Verbindung zwischen meiner geistigen Aktivität und dem Einsatz meiner Energien verstehen.

Eine der ersten Erfahrungen im Qigong ist:
Das Qi, meine Lebensenergie, folgt meiner Aufmerksamkeit; d.h. ich nähre energetisch das, worauf ich meine Aufmerksamkeit lenke. Wenn ich zum Beispiel in die Säulenübung 'Den Baum umarmen' gehe und habe akute Verspannungen im Schulter/Nackenbereich, kann ich zwei verschiedene Erfahrungen machen:

Heftet sich meine Aufmerksamkeit an das Problem an (den schmerzenden Nacken), so werden im Laufe der Übung die Schmerzen wahrscheinlich immer weiter zunehmen, bis ich das Gefühl habe, es nicht mehr aushalten zu können und die Übung abbrechen zu müssen.

Richte ich meine Aufmerksamkeit nach einem kurzen Zur-Kenntnis-Nehmen der schmerzenden Bereiche konsequent auf einen gleichmäßigen Atemstrom durch Arme, Schultern und Nacken, so werden die Schmerzen langsam abnehmen können, die Wahrnehmung für eine zunehmende Energetisierung der bisher blockierten Bereiche wird frei.

Im ersten Fall habe ich Zeit, Aufmerksamkeit und Energie verschwendet, weil ich das Problem genährt habe, statt die Lösung.

Der zweite Fall ist eines Kampfkünstlers wahrhaft würdig: das Problem mit ruhigem Geist zur Kenntnis nehmen, loslassen und sich konzentriert auf den Lösungsweg ausrichten. Diesen dann Schritt für Schritt und Atemzug für Atemzug beschreiten.

Wir müssen nur einen Augenblick nachdenken und wissen, wie schlecht es bei uns im allgemeinen mit der Fähigkeit bestellt ist, uns auf unsere Ziele zu konzentrieren, wenn wir abgelenkt, also behindert werden:

- von einem bewegungsunfähigen Körperteil

- einem Schmerz

- einer Fliege, die über den Arm krabbelt

- dem Lärm der Straße

- Missempfindungen in den Gliedmaßen,

- einem brummenden Schädel, usw.

Schon klebt unsere Aufmerksamkeit an der Störung, entziehen wir unserem Ziel notwendige Energie.

Es ist nicht nur ein übler Scherz, wenn es heißt, zu jedem Zen-Dojo gehöre eine Dojofliege, die sich in dem Augenblick auf der Nasenspitze des Schülers niederlasse, wo er glaubt, die Erleuchtung erlangt zu haben.

Die Berührung einer Fliege reicht bei den meisten Menschen, sie im entscheidenden Moment von einem lange angestrebten Ziel abzulenken!

Vor kurzem hatte ich die Ehre, etwas mehr von Thomas Brendel's Arbeit mit dem A.K.T. kennen zu lernen. In diesem Zusammenhang sagte er folgendes, was ich hier gern wieder aufgreifen möchte: 'Selbstverteidigung heißt sein Selbst verteidigen' - und dabei ging es Thomas Brendel und geht es mir in erster Linien um einen inneren Prozess: verteidige Dein Selbst gegen Manipulation, lass' Dir nicht vorschreiben, wer Du bist und was Du kannst!

Aber am allerwichtigsten ist: verteidige Dein Selbst vor Dir selbst!

Wie bitte?

Ja. Denn niemand auf der Welt ist in der Lage, Dich so zu 'behindern' wie Du es selbst kannst, wenn Du Deine geistigen Energien nicht für sondern gegen Dich ausrichtest.

Wer bist Du? Definierst Du Dich über Deine 'Behinderungen', also über das, was Du nicht hast, nicht kannst, gerne hättest/würdest, aber ja wohl doch nie kriegen wirst? Oder setzt sich Dein Selbstbild aus dem zusammen, was Du wirklich hast, kannst, willst, liebst etc.?
Kennst Du Deine Potentiale? Nährst und nutzt Du sie?

Ich glaube, dass die meisten Menschen gerade in den reichen Ländern dieser Erde zutiefst und schwerst-behindert sind in dem Sinne, dass wir uns innerlich daran hindern, unser Potential voll zu leben!

Wenn es einen Kampf zu kämpfen gibt, dann den, unsere inneren Behinderungen erkennen, loslassen und unsere Energie konsequent auf das richten, was wir leben wollen. Jeden Tag neu.

'Ach', höre ich jetzt einen Rollstuhlfahrer etwas genervt raunen, 'und dadurch verschwinden die Treppen in meiner Umgebung, oder was?!' Nein. Aber spare Dir Deine Energie doch lieber, einen guten Um - Weg für Dich zu finden...

(Da gibt es doch die hübsche alte Anekdote von dem Weisen, der immer einen bestimmten Weg entlang zu gehen pflegt. Eines Tages ist der Weg von einem wilden Pferd blockiert, dass sich nicht von der Stelle rührt. Es lässt sich nicht ziehen und nicht drücken, andere Wanderer mühen sich vergeblich. Der Weise aber ändert an diesem Tag seinen Weg.)

Erich Zimmermann Und wenn ich heute darüber so nachdenke, war wohl mein erster Lehrer in diesen Dingen ein alter Mann im Rollstuhl. Von dem wollte ich Euch erzählen. Er war mein Vater.

Erich Zimmermann wurde 1900 geboren. Mit neun Jahren erkrankte er an Kinderlähmung. Das war damals, im Kaiserreich, eigentlich ein Todesurteil, die Ärzte waren hilflos. Mein Vater hatte Glück, die Infektion wich zurück, die Eiserne Lunge blieb ihm erspart und er landete 'nur' im Rollstuhl.

Er wusste nichts von Taijiquan und Qigong oder asiatischen Kampfkünsten. Er hatte nie von Qi gehört und wusste doch, das es ein besonderer Verlust für ihn war, dass seine Fußsohlen seit damals nicht mehr die Erde berühren konnten, sondern zwischen ihm und der Erde die Gummireifen seines selbstgebauten Rollstuhls waren.

Er war das, was man damals einen Krüppel, heute politisch korrekt einen Behinderten nennt. Aber er war nie ein Opfer. Er war ein Philosoph und ein Krieger. Er war ein großes Vorbild und ist bis zum heutigen Tage, viele Jahre nach seinem Tod, eine Ermutigung für mich.

Er war ein Mensch. Mit vielen Stärken und Schwächen. Aber er war ein Krieger. Er beherrschte die Kunst, sich nicht behindern zu lassen von äußeren Behinderungen. Er kämpfte nicht gegen, sondern für...

Ich weiß nicht, ob er es so ausgedrückt hätte, aber wenn ich sein Leben anschaue, so hat er seine Energie offensichtlich nie im Kampf gegen Hindernisse verschwendet und wurde so zu einem Meister darin, die erstaunlichsten Um - Wege zu finden.

Mein Vater hat seine ungewöhnliche Lebensgeschichte, die ein Kaiserreich, zwei Demokratien, eine Diktatur und zwei Weltkriege erlebt hat, aufgeschrieben.

So kann ich nicht nur davon erzählen, warum dieser 'Behinderte' meiner Meinung nach ein Meister der Kampfkunst war, wir können ihn auch selbst zu Wort kommen lassen.

Hören wir hier, wie er die äußeren Bedingungen schildert, die Chancen, er als junger Mensch im Rollstuhl hatte:


Aus dem Manuskript
Curriculum vitae eines menschlichen Rädertierchens 1910-1945

Erich Zimmermann 1950 Aus Anlaß meiner Konfirmation zeigte es sich nun erst richtig, wie groß meiner Eltern Kummer über meine körperliche Verfassung sein mußte, denn er ging so weit, daß sie meine Lebenslage für hoffnungslos ansahen. Bei dem harten Existenzkampf der damaligen Zeit, den mein Vater so gut kannte, war es für ihn undenkbar, daß ich in diesem Kampf - wenn überhaupt! - keine andere als nur eine ganz bescheidene Rolle spielen konnte. Ebenso waren meine Eltern davon überzeugt, daß ich dazu bestimmt war, ein ganz zurückgezogenes Leben zu führen, in dem die bürgerlichen Bekleidungskonventionen wenig gelten würden. So erhielt ich zur Konfirmation zwar auch einen schwarzen Anzug, und das Jakett war so gearbeitet, daß ich am Einsegnungstage dazu Schlips und Kragen tragen konnte, aber danach sollte es mit einem bequemen Kragen umgearbeitet werden, der mir den Aufwand und die Unbequemlichkeit von Plättwäsche ersparte.

Wie konnten meine Eltern auch nur ahnen, daß später einmal mein Arbeitsanzug der Smoking, das weiße Oberhemd und die schwarze Seidenfliege sein würden!

...

Ich kam nun langsam in das Alter, in dem junge Leute an einen Beruf denken müssen, und mein Vater machte sich Gedanken darüber, wie er mir zu einem solchen verhelfen, oder überhaupt eine Tätigkeit für mich finden könnte, die meine Zeit ausfüllen und mir etwas Geld einbringen konnte. Sehr wünschenswert erschien ihm der Beruf als Uhrmacher, Juwelier oder Graveur, die alle eine im Sitzen auszuübende Tätigkeit haben, welche vorwiegend geschickte Hände verlangt. Er mußte aber die Erfahrung machen, daß es sehr schwer oder vielmehr unmöglich sein würde, eine passende Lehrstelle für mich zu finden. Abgesehen davon, daß eine Werkstatt stufenlos für mich zugängig sein mußte, war ein Lehrling, der durch seinen Rollstuhl an seinen Arbeitsplatz gefesselt war, und in manchen Dingen von anderen bedient werden mußte, anstatt als Lehrling selbst zu bedienen, eine direkt unbescheidene Zumutung.

Das Geschäftsleben und die Arbeitsbedingungen waren damals hart, und der Allgemeinheit das Bewußtsein noch vollkommen fremd, daß auch der einzelne Bürger und Geschäftsmann eine gewisse moralische Verpflichtung haben könnte, behinderten Mitbürgern in der Ausbildung zur Arbeit und der Bereitstellung von Arbeitsplätzen zu helfen, vor allem, wenn dadurch noch im eigenen Betriebe eine Minderung der einkalkulierten Arbeitsleistung hätte in Kauf genommen werden müssen!

Der erste Weltkrieg mit meiner Unzahl von Kriegsbeschädigten, für die der Staat außer einer Rentenzahlung zum ersten Mal auch beruflich eine gesetzliche Hilfeleistungspflicht anerkannte, hat darin einen Wandel geschaffen, der so groß ist, daß ich staunen muß, was heute alles getan wird, um körperbehinderten Menschen, vor allem Jugendlichen, zu helfen. In den alten Zeiten (die so gern 'die guten alten Zeiten' genannt werden), gab es für diese Unglücklichen, wenn sie aus sozial schwachen Schichten stammten, nur das Gefängnisleben eines Krüppelheims. Ein solches befand sich auch in Angerburg/Ostpreußen, dem mein Vater nach meiner Erkrankung häufig Zuwendungen machte.



Wie nach dieser Schilderung zu erwarten, schienen die Barrieren zu einer Berufstätigkeit unüberwindlich und in der Tat hatte mein Großvater nicht die geringste Chance, trotz guter Verbindungen, eine Lehrstelle für seinen Sohn zu bekommen.

Was sollte aus ihm werden, wenn seine Eltern eines Tages starben?

Ich will nicht alle interessanten Um - Wege erzählen. Zum Thema Beruf und Ernähren aber: Mein Vater erlernte das Cellospielen (auch hier wird der Kundige sich fragen, wie er das Problem löste, da dieses Instrument eigentlich mit den Knien gehalten wird - er löste es eben) und ein langer und steiniger Weg führte ihn schließlich bis zum Platz des 1. Cellisten des Danziger Symphonieorchesters. Und als sein Vater starb, war der junge 'Krüppel' in der Lage sich und seine Mutter zu ernähren.

Hören wir, wie das Ganze begann, zu einer Zeit, da er gerade anfing, im sogenannten Selbstfahrer als kaum 15jähriger sich die Welt zu erobern:


Ein ganz natürlicher, lange zurückgedrängter Erlebnishunger nachte sich bemerkbar, der sich zunächst in dem Wunsch äußerte, die Natur in meiner Umgebung kennen zu lernen und möglichst viel und immer Neues von ihr zu sehen. Damit begannen meine selbständigen Ausfahrten mit meinem Selbstfahrer, die sich von Zoppot ausgehend auf allen für einen Selbstfahrer befahrbaren Wegen ins Land hinaus erstreckten, und mit der Zeit auf immer größere Entfernungen ausgedehnt wurden. Mein schönstes Erleben war es, an einem klaren Sommermorgen um 3 Uhr aufzustehen, mich leise anzuziehen, um meine Mutter nicht zu wecken, und vor Sonnenaufgang schon im Freien zu sein und 'auf große Fahrt' zu gehen. Das war auch ein guter Leistungssport, der mir im Lauf der Jahre zu einem Paar Arme mit geradezu athletischen Muskelkräften und eiserner Ausdauer verhalf.

Zunächst reichte die Kraft natürlich nur für kurze Ausfahrten, die mir noch genügend Zeit übrig ließen, also holte ich auch wieder mein Cello aus der Ecke hervor. Ich fingerte ein paar Wochen darauf herum, wobei nicht mehr herauskam, als die Lieder und Melodien, die ich im Kopf hatte, auswendig spielen zu lernen, was leicht genug war. Ich merkte bald, daß das noch lange kein Cellospielen war und auch niemals werden würde, deshalb schrieb ich an Obermusikmeister N. in Danzig. Ich hatte Glück; in jenem Sommer hatte er ein Engagement im Viktoria-Hotel in Zoppot (dem vornehmsten Restaurant in der Seestraße), wo ein Trio Unterhaltungsmusik für die Gäste machte. Er kam daher jeden Tag nach Zoppot, und war gleich bereit, mir zweimal wöchentlich Unterricht zu geben, nahm allerdings ein sehr hohes Honorar: 19,-- Mark für die Stunde. Als er zur ersten Unterrichtstunde bei mir erschien, fragte er mich sogleich: 'Wollen Sie das zu Ihrem Beruf machen?' Ich war sehr überrascht, denn daran hatte ich nicht im entferntesten gedacht.

Ich sollte ein Musiker werden, ein Musikant, dessen Tätigkeit sich, abgesehen davon, daß sie zu einer befriedigenden Leistung ein ausgesprochenes Talent voraussetzt, vorwiegend vor der Öffentlichkeit abspielt? Das schien mir absurd, irgendwie anmaßend, und ich sagte Herrn N., daß meiner Beine wegen das wohl nicht möglich wäre. Er meinte aber, daß ich doch im Orchester hinter meinem Cello sitzen könne; und gute Cellisten wären immer gesucht.

Das war gut gemeint, aber doch ein typisches Beispiel für das Unvermögen, die Behinderungen, denen ich unterworfen bin, zu erkennen und zu begreifen. Ich habe das immer wieder erlebt, und es ist von meinem Standpunkt (ich muß wohl eher sagen: Sitzpunkt) aus interessant, zu beobachten, wie die horizontale räumliche Welt sich im Kopf eines Fußgängers abspiegelt.

Nachdem meine Arme kräftig genug geworden waren, hatte ich gelernt, meinen Selbstfahrer auf der Straße über einen Bordstein hochzuheben, indem ich mit beiden Händen hinten tief an die Räder griff, und mit einem kurzen Anlauf und kräftigen Ruck den Wagen hochriß. Um dann den ganzen Wagen auf den Gehweg zu bekommen, hatte ich mir eine Vorrichtung ausdenken und anfertigen müssen, mit der ich die Steuerung feststellen konnte, weil sonst das freie hintere Steuerrad vor dem Bordstein quergeschlagen wäre.; ich hatte ja den Steuergriff loslassen müssen, um mit beiden Händen die Vorderräder fassen zu können. Das ganze Kunststück (man konnte es schon so nennen) war nur bis zu einer gewissen Höhe des Bordsteins möglich, die ungefähr bei 12 cm lag. Ein Zentimeter höher machte den Bordstein für mich so unüberwindlich wie eine ganze Flucht von Treppen. Ein Fußgänger scheint dagegen eine Stufe (sogar eine sehr hohe) beim Gehen nicht wahrzunehmen; sie dringt gar nicht in sein Bewußtsein. Ich habe das immer wieder bei entsprechender Gelegenheit im Gespräch feststellen können.

Ich fuhr grundsätzlich nur den Typ von Krankenselbstfahrern, die man als 'Hintersteurer' bezeichnet. Bei diesen liegt das steuernde dritte Rad in der Mitte hinter dem Sitz (jetzt werden diese Wagen mit zwei steuernden Hinterrädern gebaut). Beim 'Vordersteurer' dagegen liegt das einzelne steuernde Rad vor dem Sitz. Dadurch wird dieser Wagentyp länger und im ganzen größer, heut aber bessere Fahreigenschaften, der Sitz ist aber etwas schwerer zugänglich. Ein Hintersteurer ist im ganzen kleiner und hat eine offene Front vor dem Sitz, dafür sind seine Fahreigenschaften schlechter, vor allem bei Steigungen, die nur mit großem Kraftaufwand gefahren werden können. Man nennt sie daher 'schlechte Bergsteiger'. Das machte sich zwar bei meinen Ausfahrten sehr unangenehm bemerkbar (ergab aber auch ein besonderes Krafttraining), aber die offene Front dieser Fahrzeuge machte mir einen Platzwechsel überhaupt erst möglich. Dies vollzog sich so, daß ich mein ganzes Gewicht mit den Armen hochstemmte (weil ja die Beine keine Stütze gaben), und mich mit einem starken Schwung von meinem Rollstuhl auf den Selbstfahrer beförderte, umgekehrt natürlich desgleichen. Mit zunehmender Armkraft und Übung kam es schließlich zu fast artistischen Leistungen bei der sorgfältig ausbalancierten Überwindung möglichst großer Entfernung zwischen den beiden Sitzen.

Von all dem hatte natürlich Obermusikmeister N. keine Ahnung, sondern fügte noch hinzu, daß er den Kapellmeister des Zoppoter Kinos kenne, dem er mich empfehlen werde, wenn ich die entsprechende Leistungsfähigkeit erreichen konnte.

Ich blieb zwar ungläubig, aber nun reizte es mich doch, mich mit aller Kraft in die Sache hineinzuknien, um herauszubekommen, wie weit ich es dabei wohl schaffen könnte.



Erich Zimmermann 1936 als Cellist im Cafehaus (ganz links) Er hat viele Behinderungen auf diesem Weg vor sich gehabt: Er musste weite Wege über die Landstraße nachts allein zurücklegen, er musste durch Hintereingänge den Weg zum Podium finden, er musste einen Weg auf das Podium und wieder herab finden, ohne für das Orchester oder sein Publikum eine 'peinliche' Vorstellung seiner Hilfsbedürftigkeit zu geben, für die damals niemand Verständnis gehabt hätte etc. etc. etc.

Er hat für alle diese Probleme eine Lösung gefunden. Und wenn er auf dem Hosenboden vier Stockwerke die Treppen hinaufrutschen musste, ein selbstgebautes Klapprollstühlchen hinter sich herziehend, auf das er sich am Ende mit der Geschicklichkeit eines Affen wieder draufschwang. Er kam da an, wo er hinwollte.

Hören wir ein paar Episoden aus seinem Musikeralltag:


In jener Zeit wurde das Akkordeon, das heißt das sogenannte Piano-Akkordeon, in die Besetzung der Tanzkapellen aufgenommen und zum Tango als effektvolle Neuerung gespielt, in Anlehnung an die original-argentinische Tango-Besetzung. Da zum Tango nicht Saxophon gehört, war es natürlich höchst günstig, wenn der Saxophonist auf Akkordeon wechseln konnte, weil schöne Tangos auch zur Konzertmusik gespielt wurden. Ich konnte nun also für Konzert- und Tanzmusik mit vier Instrumenten eingesetzt werden, und schon im nächsten Sommer wirkte sich das aus.

'Schorsch' kam vor Saisonbeginn zu mir und bot mir ein Engagement im Cafe Ecker in einer 5-Mann-Kapelle an. Cafe Ecker - das bekannte Konzertcafe in der Seestraße - das war schon etwas anderes! Die Eingangstür lag zwar eine Stufe hoch, aber es gelang mir jetzt schon der Balance-Akt, mich von meinem Selbstfahrer auf meinen Klappstuhl zu schwingen, wenn der eine Stufe höher stand. Der Dienst ging von 16 bis 24 Uhr. Ich ging bereits gegen drei Uhr hin, wenn sich das Lokal von den Mittagsgeschäften geleert hatte, um von meiner Mutter begleitet möglichst ungesehen zum und auf das Podium zu kommen. Mein Selbstfahrer konnte in einer Ecke hinter der Terrasse des Cafes an der Seestraße stehen. Nach Dienstschluß übernahm Schorsch wieder den Freundschaftsdienst, ihn an die Eingangstür zu holen. Das ließ sich gut machen, weil die Gäste gewöhnt waren, nach unserem Schlußmarsch fast alle das Lokal zu verlassen.

Nur die Abendpause von 19 bis 20 Uhr war eine Peinlichkeit von besonderer Art für mich, denn in dieser Zeit blieb das Lokal besetzt. Die Kollegen hatten hinter dem Cafe einen kleinen Raum, wo sie ihr Abendbrot essen konnten, ich konnte mich ihnen dabei aber nicht anschließen. Dazu wäre nötig gewesen, mit Hilfe der Kollegen wieder vom Podium herunter auf mein Klappstühlchen zu klettern, und an all den besetzten Tischen und neugierigen Augen vorbei mich nach hinten karren zu lassen, und nach Beendigung der Pause dieselbe Prozedur zu wiederholen. Das Publikum sieht bei einer Unterhaltungskapelle in einem Cafehaus gern junge Gesichter und muntere Kerle auf dem Podium.

Ich war noch jung genug, und solange ich auf dem Podium hinter meinen Instrumenten saß, war mir nichts anzumerken als vielleicht ein zu kurzer Oberkörper. Dem Publikum aber meinen wahren Zustand unnötig deutlich vor Augen zu führen, schien mir absolut unzulässig, und konnte sowohl den Cafehausbesitzer als auch die Kollegen nur abgeneigt machen, mit mir zu arbeiten. Ich blieb daher während der Pause auf dem Podium, wenn ich auch eine lange, langweilige Stunde mich dabei mit dem Gedanken beschäftigen mußte, ob die Leute unten an ihren Tischen mich wohl für blöd hielten, weil ich da still und einsam saß, ohne Abendbrot essen zu gehen?! Das Abendbrot fiel auf diese Weise natürlich auch für mich fort, denn ich konnte ja nicht auf dem Podium ein Stullenpaket entblättern und aufmümmeln, Die Folge war ein recht hübsch nervös gewordener Magen, der sich bis Dienstschluß so überhungert hatte, daß er kein Essen mehr vertrug, dafür aber einen brennenden Durst angesammelt hatte, denn aus naheliegenden Gründen trank ich während der ganzen Dienstzeit nichts. Da half dann nur eins: Ein paar glas Bier mit den nötigen magenwärmenden Cognacs dazu.

Abgesehen davon begann jetzt das Leben ganz ernsthaft schwer zu werden. Während des Spielens in dem Cafe in der Großen Allee hatte ich in jeder Woche drei Fahrten von je 25km gemacht, in drei Monaten also 36 Fahrten mit zusammen 900km. Jetzt betrug mein Weg von Zoppot bis zur Breitgasse 15km, hin- und zurück an einem Tage 30km. Ich mußte bei täglichem Dienst also in einem Monat fast dieselbe Strecke zurücklegen wie vorher in einem Vierteljahr. Um auf jeden Fall in Danzig rechtzeitig für den Dienst ankommen zu können, mußte ich um 14 Uhr von zuhause losfahren. Wenn wir um 1 Uhr Schluß machten, dann verging noch eine halbe Stunde mit Einpacken, Gageauszahlen und dergleichen. Um einhalb zwei konnte ich wieder abfahren und war dann gegen 4 Uhr morgens in Zoppot. Dann blieb mir gerade noch Zeit zum Ausschlafen und Mittagessen, und schon ging die Tretmühle von neuem los.

So anstrengend diese Fahrten auf die Dauer auch wurden, waren sie mir dennoch nicht unangenehm oder gar verhasst. Ich war gern nachts im Freien; es war immer wieder für mich ein schönes Naturerlebnis, und wenn ich so ganz allein unterwegs war, und ringsum in allen Häusern, an denen ich vorbeikam, oder deren Lage ich auch auf weite Entfernungen kannte, alle Menschen schliefen oder nur ganz selten der Lichtpunkt eines erleuchteten Fensters in der allgemeinen Dunkelheit zu sehen war, dann fühlte ich mich in einer Art Frieden mit der Welt, die keine Probleme mehr bot und mir allein zu gehören schien. Mondhelle Nächte genoß ich sogar als ausgesprochen schön und stimmungsvoll.

Natürlich konnte sich die jeden Tag und jede Nacht wiederkehrende Fahrt, wenn in dunklen Nächten das Einsamkeitsgefühl einmal drückend wurde, auch deprimierend auswirken. Bei der letzten Etappe in jeder Nacht, die von Langfuhr bis Zoppot reichte, war meist die Müdigkeit schon so vorherrschend, daß ich nur noch maschinenmäßig meinen Selbstfahrer Meter um Meter vorwärtsdrückte. Als der November vorschritt und die Natur immer lebloser wurde, hatte ich in solcher Stimmung manchmal den Gedanken: 'Wenn es wirklich Gespenster geben sollte, die in der Geisterstunde umgehen, dann werde ich nach meinem Tode wahrscheinlich auch von 12 bis 1 Uhr nachts mit meinem ebenso gespenstischen Selbstfahrer zwischen Danzig und Zoppot herumgeistern!'



Natürlich hat er bei allem Mut und aller Geschicklichkeit nicht immer nur Glück gehabt (weit gefehlt, sein Leben war auch voller Rückschläge und Verluste) - aber auch das scheint mir der Weisheit eines Kampfkünstler würdig: wenn wir einen Kampf verlieren, sollten wir uns nicht allzu ernst nehmen.

Oder: Humor ist, wenn man trotzdem lacht:

Original-Auszug Seite 153 unten bis 154 oben aus dem Manuskript 'Curriculum vitae eines menschlichen Rädertierchens 1910-1945'


Erich Zimmermann spielt das erste Cello im Orchester (vorne links)

Schließlich kam der Krieg, das Land brach zusammen und Musiker wurden nicht mehr gebraucht. Es folgten elende Jahre in Hunger und täglicher Lebensgefahr.

Aber so wie er als junger Mann seine Mutter ernährt hatte, statt von ihr ernährt werden zu müssen, so hat er nicht nur den Krieg überlebt, sondern auch noch seine Cousine Paula mit Ihren beiden kleinen Enkelsöhnen auf der Flucht von Ostpreußen in den Westen unterstützen und sogar schützen können - hier bewahrheitete sich die daoistische Weisheit, die bei jedem Ereignis fragt: 'Ist es gut, oder ist es schlecht? Man weiß es nicht'. Mein Vater konnte seine Cousine vor Verschleppung und Vergewaltigung schützen, gerade weil er ein Krüppel war! :


In unserem Zimmer lebten wir in einem Haufen von Gerümpel und Verwüstung, und ich bestand darauf, daß Omi Paula das so ließ (als gute Hausfrau wollte sie natürlich zuerst aufräumen), weil unter dem Gerümpel viele für uns wertvolle Sachen verborgen waren, die Omi Paula aus ihrer Wohnung noch hatte holen können, und das verwüstete Aussehen unseres Zimmers unser bester Schutz war. Wenn dann die jeden Tag durch die Häuser streifenden russischen und polnischen Soldaten auch zu uns ins Zimmer kamen, sagten sie meist nur grinsend: 'Alles Kaputt!' und suchten gar nicht weiter nach.

Am schlimmsten waren die Nächte. Wir kamen immer erst um 1 Uhr zur Ruhe, weil bis dahin die Wohnungen von Russen nach Frauen durchsucht wurden. Omi Paula und ich hatten daher mit allen Hauseinwohnern verabredet, daß ich sie den Russen und Polen gegenüber als meine Frau ausgeben sollte, und hatte den beiden Jungens eingeprägt, daß sie mich nur 'Großvater' nennen durften, während sie bis dahin 'Onkel Erich' zu mir gesagt hatten. (Eigentlich war ich ja ihr Großonkel.) Es war mir klar, daß ich mein Überleben bis dahin zu einem guten Teil Omi Paula's Mithilfe zu verdanken hatte, und immer noch auf ihre tätige Hilfe angewiesen war. Seitdem wir aber in ihr Wohnhaus zurückgekehrt waren und uns vor den russischen und polnischen Soldaten nicht mehr verstecken konnten, ergab es sich, daß ich ihre Hilfe vergelten konnte durch mein Vorhandensein und meinen Zustand, und gerade durch diesen besser als ein gesunder, kräftiger Mann, der sofort von den Russen verschleppt worden wäre.

Ich hatte mich seit Wochen nicht rasiert, und mein langer Bart und verhungerter Zustand gaben mir ein Aussehen, daß ich bei den Soldaten, wenn sie mich zu sehen kriegten, öfter den Ausdruck 'stary Invalid' (alter Invalide) hören konnte. Wenn ich das hörte, war ich stets zufrieden, denn dann wußte ich, daß sie mich als unbrauchbaren alten Invaliden in Ruhe lassen würden, und auch Omi Paula hatte Nutzen davon, wenn wir als Großelternpaar, der Mann noch dazu ein 'stary Invalid', mit zwei kleinen Kindern galten.

Wenn wir nachts auf die Russen warteten, lagen Omi Paula und ich (wie immer) angekleidet im Bett, sie mit einem alten Tuch um den Kopf, das sie auch am Tage niemals ablegte, um ihr Gesicht darunter möglichst zu verbergen. (Durch die lange Hungerzeit war sie so abgemagert, daß sie wie eine viel jüngere Frau aussah, als sie war.) Sie ist also in dieser Hinsicht heil durchgekommen, hat aber viel schlimme Angst ausstehen müssen.

Omi Paula hatte schon im Keller meine beiden Rollstühle zusammengebunden, um ein Fahrgestell zu haben für ihren Korb, den sie sonst wohl kaum hätte schleppen können. Da ich annahm, daß wir wenigstens im Augenblick nicht mehr durch die deutsche Ari (Artillerie) gefährdet waren, zogen wir los, indem wir uns irgendwie einen Weg über die trümmerbedeckte, an vielen Stellen aufgerissene Dammstraße suchen mußten. Um uns waren brennende Häuser und das unablässige Getöse der beiderseitigen Ari. Dabei waren wir eigentlich ganz ruhig, wir waren einfach über das Stadium hinaus, in dem man noch Furcht und Entsetzen empfinden kann, und strebten nur immer unbeirrt vorwärts. Wie ich meinen Selbstfahrer auf der Trümmerstraße mit einer Hand und leeren Reifen vorwärtsbekommen habe, ist mir heute vollkommen unbegreiflich.

In meiner Erinnerung sind diese und die folgenden Szenen so festgebrannt, daß ich sie wie einen Film wieder vor mir abrollen lassen kann. Erstaunlicherweise ist dies aber ein Stummfilm - ich kann mich an keine Geräusche erinnern, die doch in überwältigender Stärke bestanden müssen.

Selbstverständlich konnten Omi Paula und ich uns nur ganz langsam vorwärts quälen. Als wir den Anfang der Dammstraße erreicht hatten, kam uns der erste russische Panzer von der Alten Haubuder Landstraße entgegen. An dieser Stelle stand gerade ein leerer Kastenwagen auf der Dammstraße, und ich mußte in der Straßenmitte fahren, so daß für den Russen kein Platz war, an mir vorbeizukommen; Omi Paula und die Kinder waren auf dem linken Fußweg. Der Panzer bog aber an dem Kastenwagen vorbei auf den rechten Fußweg, so daß er mich verschonte.

Auf der Alten Haubuder Landstraße kamen wir etwas besser vorwärts, weil sie nicht so trümmerbedeckt war wie die Dammstraße. Obgleich uns hier der ganze russische Vormarsch entgegenkam, Geschütze, Autos und so weiter, konnten wir uns zunächst noch eine kurze Strecke am Straßenrand an ihnen in Richtung Danzig vorbeidrücken. Einmal kam uns aber noch ein Panzer entgegen, als die Straße gerade für kurze Zeit leer war, und da ich natürlich ganz rechts am Straßenrand fuhr, war die ganze Straße für ihn frei. Dieser Panzer bog aber von der anderen Straßenseite ab nach meiner Seite herüber, und fuhr in gerader Richtung so auf mich zu, daß er mich mit seiner linken Kette fassen mußte. Ausweichen konnte ich nicht. Ein Selbstfahrer kann sich nicht seitwärts bewegen, und mein halbzertrümmertes Fahrzeug hatte ich überhaupt kaum in der Gewalt. Der Panzer fuhr auch schnell, aber im letzten Augenblick, als er dicht vor mir war, warf ich mich nach rechts auf die Straße, und riß mit der linken Hand auch meinen Selbstfahrer mit, so daß er nach rechts umkippte und gerade noch von dem vorbeifahrenden Panzer frei kam.

Ich glaube kaum, daß ich damals mit viel Überlegung gehandelt habe, vielmehr schien alles wie von selbst zu kommen. Wahrscheinlich wird eine unterbewußte Erinnerung an jenen Zwischenfall nachts in Oliva, als ich auf dem Sandhaufen umkippte, mich so ohne Zögern den rettenden Ausweg haben finden lassen. Omi Paula, die mit den Kindern weiter zurück hinter mir war, hatte sich dies ganze Kintoppstück mit Entsetzen ansehen müssen, denn es spielte sich ja in wenigen Augenblicken ab. Sie sprang nun zu und half, mich mit meinem Selbstfahrer wieder aufzurichten, so daß wir weiterfahren konnten.



Wenn der gerade Weg nicht zu begehen ist, so muss ich den besten Um - Weg suchen und finden. Wenn der gerade Weg in den Tod führt, so ist mein ganzer Wille zur Beweglichkeit gefordert, wenn ich am Leben bleiben will. Für meinen Vater gab es nur noch eine einzige Bewegungsmöglichkeit in einer Sekunde, als er dem Panzer begegnete: er hat sie ergriffen und überlebt.

Ein Kampfkünstler sollte wissen, dass es immer darum geht, zwischen Leben und Tod zu wählen. In der geschützten Atmosphäre unserer Übungsräume vergessen wir das entweder allzu leicht, oder wir finden die Übertragung in unseren Alltag nicht.

Mein Vater hatte dies Problem der 'unerträglichen Leichtigkeit des Seins' nicht. Er hat in vielen Situationen seines Lebens tatsächlich zwischen Leben und Tod wählen müssen im Lebenskampf. Aber ohne die Fähigkeit, nicht gegen den Tod, sondern für das Leben zu kämpfen, die Fähigkeit den Geist frei von 'Behinderungen' zu machen und alle Kraft in das erwünschte Ziel zu stecken, hätte er es nicht geschafft!

Die 'Six Dixies' mit Erich Zimmermann (dritter von links) 1957 Übrigens: da gibt es noch das Argument, dass manche Behinderungen objektiv und physikalischen Gesetzen folgend bestimmte Fähigkeiten ausschließen, da sei der Wunsch und Wille so stark wie er wolle.

Ich spreche ja nicht einfach vom einem starken Willen, ich spreche von der Energie unseres geistigen Potentials!

Mein Vater ernährte sich und meine Mutter, die noch studierte, nach dem Kriegsende dadurch, dass er Nachts Tanzmusik machte. Ein Arzt untersuchte ihn zu dieser Zeit und es wurde festgestellt, dass die Kinderlähmung doch sein Zwerchfell angegriffen hatte, so dass es nur noch zur Hälfte arbeitete. Das heißt: er blies nächtelang mit halbem Lungenvolumen in verrauchten Kneipen Saxophon - nach Meinung des Arztes medizinisch unmöglich. - Mein Vater konnte es dennoch!


Wusstet ihr übrigens, dass eine Hummel nach den physikalischen Gesetzen der Aerodynamik gar nicht fliegen kann ? Wie gut, dass die Hummel von ihrer Behinderung nix weiß und der Aerodynamik zum Trotz munter herumfliegt.

Und so wünsche ich uns allen die wachsende Fähigkeit, uns für das Fliegen zu entscheiden, wenn wir es wollen, egal wer oder was uns behindern will.


Autorin des Vortrages: Dietlind Zimmermann
Lehrerin für Qigong und Tai Chi Chuan

Tel.: 040-205129
Web: www.tai-chi-lebenskunst.de


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