Dr. Edward Bach

- Heile Dich selbst -

Zurück zu den Bachblüten

'Es ist nicht die Absicht dieses Buches vorzugeben, daß die Heilkunst überflüssig sei -, es besteht jedoch die bescheidene Hoffnung, daß es denen, die leiden, ein Führer sein wird, den wahren Ursprung ihrer Krankheiten in sich selbst zu suchen, so daß sie zu ihrer eigenen Heilung beitragen können. Darüber hinaus besteht die Hoffnung, daß jene, die in medizinischen Berufen und in religiösen Orden zum Wohle der Menschen wirken, angeregt werden, ihre Anstrengungen zur Linderung des menschlichen Leidens zu verdoppeln und somit das Herannahen jenes Tages zu beschleunigen, an dem der Sieg über die Krankheit vollkommen sein wird. Der Hauptgrund für das Scheitern der modernen medizinischen Wissenschaft liegt darin, daß sie sich mit Auswirkungen, aber nicht mit Ursachen befaßt. Viele Jahrhunderte lang wurde das Wesen der Krankheit vom Materialismus verdeckt und ihr hierdurch das Feld überlassen, ihr Werk der stetigen Zerstörung auszuweiten, da sie nicht an ihrer Wurzel bekämpft wurde. So befand sich die Krankheit in einer ähnlichen Situation wie ein Feind, der sich, stark bewaffnet, in den Bergen verschanzt hat, von wo aus er das umliegende Land angreift und verheert, während die betroffenen Menschen sich gar nicht um die feindliche Festung kümmern, sondern sich damit begnügen, die zerstörten Häuser wieder aufzubauen und die Toten zu begraben, die den Überfällen der Plünderer zum Opfer gefallen sind. Allgemein gesprochen stellt sich die Situation der heutigen Medizin folgendermaßen dar: Sie begnügt sich mit dem Zusammenflicken der Verletzten und dem Begraben der Erschlagenen, ohne auch nur einen Augenblick an das Bollwerk zu denken.

Krankheit wird sich mit den derzeitigen materialistischen Methoden nie heilen oder ausrotten lassen, aus dem einfachen Grunde, weil Krankheit nicht materiellen Ursprungs ist.

Was wir als Krankheit kennen, ist letzlich im Körper als Endprodukt des Wirkens tiefer und anhaltender Kräfte entstanden. Selbst wenn materielle Behandlung scheinbar zum Erfolg führt, bedeutet dies nicht mehr als eine vorübergehende Linderung, solange die wirkliche Ursache nicht beseitigt ist. Der moderne Trend in der medizinischen Wissenschaft hat - wegen der Fehldeutung des wahren Wesens der Krankheit und der Konzentration auf eine materialistische Erfassung des physischen Körpers - die Macht der Krankheit gewaltig vermehrt: erstens durch Ablenkung der Gedanken der Menschen von ihrer wahren Ursache und damit von der Suche nach der wirksamen Methode ihrer Bekämpfung und zweitens durch ihre Lokalisierung im Körper und damit durch Abkehr von echter Hoffnung und Genesung und durch Aufbau eines mächtigen Angstkomplexes vor der Krankheit, den es nie hätte geben sollen. Krankheit ist in ihrem Wesen nach das Ergebnis eines Konfliktes zwischen Seele und Gemüt, und sie wird deshalb nie anders als durch geistige und gedankliche Anstrengungen ausgemerzt werden können. Solche Bemühungen können - wenn sie mit dem rechten Verständnis unternommen werden - Krankheit heilen und verhüten, indem sie jene grundlegenden Faktoren beseitigen, die ihre eigentliche Ursache sind. Keine allein auf den Körper gerichtete Anstrengung vermag mehr, als Schaden nur oberflächlich zu reparieren; aber darin liegt keine Heilung, denn die Ursache ist immer noch wirksam und kann sich jeden Augenblick von Neuem manifestieren. In vielen Fällen ist einen scheinbare Genesung sogar schädlich, denn sie verbirgt vor dem Patienten die wahre Ursache seiner Beschwerden, und während er sich über die wiederhergestellte Gesundheit freut, kann der verursachende Faktor unbeachtet an Kraft gewinnen. Vergleiche diese Fälle mit jenen, in denen der Patient die schädlichen geistigen oder gedanklichen Kräfte kennt oder erklärt bekommt, die am Wirken sind und die das, was wir Krankheit nennen, im materiellen Körper zum Vorschein gebracht haben. Wenn dieser Patient die Neutralisierung jener Kräfte gezielt in Angriff nimmt, bessert sich seine Gesundheit bereits nach diesem erfolgreichen Beginn; und wenn er seine Bemühungen konsequent durchführt, wird die Krankheit verschwinden. Wahre Heilung geschieht durch den Angriff auf das feindliche Bollwerk und durch Bekämpfung der Ursache des Leidens an seiner Wurzel. Eine Ausnahme von den materialistischen Methoden der modernen Wissenschaft stellt das System der Homöopathie dar, das von Samuel Hahnemann begründet wurde. Er suchte mit seiner Erkenntnis der wohltuenden Liebe des Schöpfers und der jedem Menschen innewohnenden Göttlichkeit und durch das Studium der gedanklichen Einstellung seiner Patienten zum Leben, zur Umgebung und ihren jeweiligen Krankheiten in den Pflanzen des Feldes und dem Reich der Natur das Heilmittel zu finden, das nicht nur ihren Körper heilen, sondern auch ihre gedankliche Einstellung und Verfassung verändern könnte. Möge seine Wissenschaft von jenen echten Ärzten weiterentwickelt und vervollkommnet werden, die die Liebe zur Menschheit in ihrem Herzen tragen! Fünfhundert Jahre vor Christus entwickelten einige Ärzte im antiken Indien unter dem Einfluß Buddhas die Heilkunst bis zu einem solchen Grad der Perfektion, daß sie die Chirurgie abschaffen konnten, obschon diese damals bereits so weit entwickelt war wie die Operationskunst unserer Tage, wenn nicht noch weiter. Menschen wie Hippokrates mit seinen hohen Heilungsidealen, Paracelsus mit seiner Gewißheit der dem Menschen innewohnenden Göttlichkeit und Hahnemann, der erkannte, daß Krankheit ihren Ursprung auf einer Ebene über der Körperlichen hat - sie alle wußten viel vom wahren Wesen und Heilen des Leidens. Welch unvorstellbares Leid hätte im Laufe der vergangenen zwanzig oder fünfundzwanzig Jahrhunderte vermieden werden können, hätte man die Lehren dieser auf ihrem Gebiet wahrlich großen Meister befolgt. Aber hier wie auch in anderen Dingen hat der Materialismus die westliche Welt so stark und über so lange Zeit hinweg beeinflußt, daß seine Stimmführer den Rat jener, die die Wahrheit kannten, überhörten. Denken wir daran: Krankheit, auch wenn sie grausam erscheint, ist im Grunde wohltätig und zu unserem Besten; und wenn wir sie recht verstehen, kann sie uns zu unseren wesentlichen Fehlern führen. Richtig behandelt, wird sie der Anlaß zur Beseitigung jener Fehler und hilft uns, besser zu werden und zu wachsen. Leiden ist ein Korrektiv, es weist uns auf eine Lektion hin, die wir auf unserem Wege nicht begriffen haben, und es kann deshalb nie zum Verschwinden gebracht werden, solange die Lektion nicht gelernt ist. Bei jenen aber, die verständig genug sind, die Bedeutung der Anfangssymptome zu erkennen, kann der Krankheit vorgebeugt werden, bevor sie zum Ausbruch kommt, oder sie kann in ihren früheren Stadien zum Stillstand gebracht werden, wenn die richtigen geistigen und gedanklichen Anstrengungen unternommen werden. Keiner braucht zu verzweifeln, ganz gleich, wie ernst sein Fall ist, denn der Umstand, daß dem Menschen körperliches Leben gewährt bleibt, zeigt an, daß die Seele, die ihn leitet, nicht ohne Hoffnung ist.

Um das Wesen der Krankheit zu verstehen, müssen zunächst einige grundlegende Wahrheiten oder Prinzipien anerkannt werden. Die erste Wahrheit ist, daß der Mensch eine Seele besitzt und daß diese sein wahres Selbst ist: ein mächtiges, göttliches Wesen, ein Kind des Schöpfers aller Dinge. Von dieser Seele stellt der Körper - wenngleich er der irdische Tempel jener Seele ist - nur eine schwache Wiederspiegelung dar. Unsere Seele, unsere innewohnende Göttlichkeit, gibt unser Leben für uns vor, wie Er es geordnet wünscht; und sie leitet, schützt und ermutigt uns, soweit wir das zulassen, und ist wachsam und wohlwollend darauf bedacht, uns alle Zeit zu unserem Besten zu führen. Unser höheres Selbst als Funke des Allmächtigen aber ist unbesiegbar und unsterblich. Das zweite Prinzip besagt, daß wir, wie wir uns in dieser Welt kennen, Wesen sind, die sich hier unten befinden, um all die Weisheit und Erfahrung zu erlangen, die man sich durch diese Erdenexistenz erwerben kann, um Tugenden zu entwickeln, die uns fehlen, und alles in uns auszulöschen, was falsch ist, um so der Vervollkommnung unseres Wesens entgegenzuschreiten. Die Seele weiß, welche Umgebung und Umstände uns am besten dazu verhelfen können, und deshalb stellt sie uns an den Platz im Leben, der für dieses Ziel der Geeignetste ist. Drittens müssen wir erkennen, daß unsere Zeit auf dieser Welt, die wir das Leben nennen, nur einen kurzen Augenblick in unserer Entwicklungsgeschichte darstellt, so wie ein Schultag im Verhältnis zum ganzen Leben steht. Obgleich wir zur Zeit nur diesen einen Tag überblicken können, sagt uns doch unsere Intuition, daß unser eigentlicher Beginn unendlich weit vor unserer Geburt liegt und der Abschluß unserer Entwicklung unendlich weit entfernt ist von unserem Tod. Unsere Seele (unser wahres Wesen) ist unsterblich, und der Körper, den wir bewußt wahrnehmen, ist nur die zeitliche Hülle, wie ein Pferd, das wir besteigen, um eine Wegstrecke hinter uns zu bringen, oder ein Instrument, das wir gebrauchen um eine Arbeit zu erledigen. Darauf folgt das vierte große Prinzip: Solange Harmonie herrscht zwischen unserer Seele und unserer Persönlichkeit, erleben wir Freude und Frieden, Glück und Gesundheit. Wenn aber unsere Persönlichkeit von dem Pfad abgebracht wird, den die Seele dargelegt hat - sei es durch ihre weltlichen Begierden oder durch Beeinflussung von anderen -, entsteht ein Konflikt.

Dieser Konflikt ist die Wurzel von Krankheit und Unglück. Ganz gleich, welche Aufgabe wir in der Welt haben - als Schuhputzer oder Herrscher, als Grundbesitzer oder Tagelöhner, reich oder arm - solange wir diese Aufgabe in Übereinstimmung mit dem Geheiß der Seele erfüllen, ist alles gut. Wir können gewiß sein, daß jeder Platz im Leben, an den wir gestellt sind, sei er hochstehend oder sehr gering, genau die Lektionen und Erfahrungen mit sich bringt, die für unsere weitere Entwicklung zur Zeit notwendig sind, und uns die besten Bedingungen zur Entfaltung unserer Selbst bietet. Das nächste große Prinzip ist die Erkenntnis der Einheit aller Dinge: Der Schöpfer aller Dinge ist die Liebe, und alles, dessen wir uns bewußt sind, ist in seiner unendlichen Formenvielfalt eine Manifestation, eine Offenbarung jener Liebe - sei es ein Planet oder ein Kieselstein, ein Stern oder ein Tautropfen, ein Mensch oder die niedrigste Form von Leben. Vielleicht ist es möglich, einen schwachen Schimmer dieser Einsicht zu erfassen, wenn wir uns unseren Schöpfer als eine riesige, strahlende Sonne vorstellen, die nichts als Mildtätigkeit und Liebe ausstrahlt. Unendlich viele Strahlen gehen in alle Richtungen aus, und wir und alles, dessen wir uns bewußt sind, sind Teilchen am Ende jener Strahlen, ausgesandt, um Erfahrung und Wissen zu erwerben, letzlich aber, um wieder in die große Mitte zurückzukehren. Und wenngleich unseren Augen jeder Strahl als ein einzelner, separater erscheint, ist er in Wirklichkeit doch ein Teil der großen Sonne. Trennung ist unmöglich, denn sobald ein Lichtstrahl von seiner Quelle abgeschnitten wird, hört er auf zu sein. So können wir ein wenig die Unmöglichkeit des Getrenntseins begreifen: Obwohl jeder Strahl seine Individualität besitzen mag, ist er doch auch Teil der großen schöpferischen Kraft der Mitte. Somit betrifft jede Handlung, die gegen uns selbst oder einen anderen gerichtet ist, das Ganze, weil jede Unvollkommenheit, die in einem Teil entsteht, sich im Ganzen widerspiegelt. Wir sehen also, daß es zwei grundlegende Fehlerquellen gibt: erstens die Trennung von Seele und Persönlichkeit und zweitens Grausamkeit oder falsches Verhalten gegenüber anderen, denn das ist eine Sünde gegen die Einheit. Jeder dieser Fehler bringt Konflikte hervor, die zur Krankheit führen. Die Erkenntnis des Fehlers, (die wir so häufig selbst nicht bemerken) und unsere ernste Bemühung, den Fehler richtig zu stellen, wird uns nicht nur in ein Leben voll Freude und Frieden führen, sondern auch zur Gesundheit. Krankheit an sich ist wohltätig, denn es ist ihr Zweck, die Persönlichkeit zum göttlichen Willen der Seele zurück zu führen. Wir sehen aber, daß sie sowohl vermeidbar als auch heilbar ist, denn wenn wir nur in uns selbst die Fehler erkennen, die wir machen, und sie durch geistige und gedankliche Anstrengungen richtigstellen, dann bedarf es keiner ernsten Lektion in Gestalt von körperlichen Leiden. Die göttliche Kraft gibt uns jede Gelegenheit, uns zu bessern, bevor als letztes Mittel Schmerz und Leiden zum Einsatz gelangen. Vielleicht haben wir es nicht allein mit den Irrtümern dieses Lebens, dieses Schultages zu tun, aber selbst wenn wir uns der tieferen Ursache unseres Leidens nicht bewußt sind, das uns möglicherweise als grausam und grundlos erscheint, so weiß doch die Seele (unser wahres Wesen) seinen Sinn und leitet uns hin zu unserem Besten. In jedem Fall würden Verständnis und Richtigstellung unserer Fehler das Leiden abkürzen und uns zur Gesundheit zurückführen. Das Wissen um die Ziele der Seele und das Bejahen dieses Wissens bedeutet die Erleichterung von irdischem Leid und Kummer und schenkt uns die Freiheit, uns weiter in Freude und Glück zu entfalten. Es gibt also zwei große Fehler: erstens, die Gebote der Seele nicht zu achten und ihnen nicht Folge zu leisten, und zweitens, gegen die Einheit zu handeln. In Bezug auf das erste sei gesagt: Halte dich mit jedem Urteil über einen anderen zurück, denn was für den einen richtig ist, mag für den anderen falsch sein. Der Kaufmann, dessen Aufgabe es ist, ein großes Handelsgeschäft aufzubauen, nicht nur zu seinem eigenen Nutzen, sondern auch zum Vorteil all derer, die er beschäftigt, und der dadurch an Tüchtigkeit und Verantwortung gewinnt, deren verschiedene Aspekte er entwickelt, muß notwendigerweise andere Eigenschaften und andere Tugenden einsetzen als eine Krankenschwester, die ihr Leben der Pflege von Leidenden widmet; aber beide lernen in rechter Weise jene Qualitäten zu gebrauchen, die für ihre Weiterentwicklung notwendig sind - wenn sie den Geboten ihrer Seele folgen. Das Befolgen der Weisungen unserer Seele, unseres höheren Selbst, also ist es, worauf es ankommt; wir lernen es durch die Stimme des Gewissens, durch Instinkt und Intuition.

Wir sehen, daß Krankheit auf Grund ihrer Prinzipien und ihres Wesens sowohl vermeidbar als auch heilbar ist, und es ist Aufgabe der geistigen Heiler und Ärzte, nicht nur materielle Heilmittel auszuteilen, sondern darüber hinaus den Leidenden das Wissen um die Fehler in ihrem Leben zu vermitteln und den Weg, auf dem diese Irrtümer ausgeschaltet werden können, damit sie zurück zu Gesundheit und Freude finden.

Was wir als Krankheit kennen, ist die letzte Phase einer viel tiefer liegenden Störung der Ordnung, und um einen völligen Heilungserfolg sicher zu stellen, wird also die Behandlung des Endergebnisses allein nicht ausreichen, solange nicht auch die grundsätzlichen Fehler, den der Mensch machen kann und der darin besteht, gegen die Einheit zu handeln; dies geschieht aus Eigenliebe. Ebenso können wir sagen, daß es nur ein ursprüngliches Gebrechen gibt: Krankheit oder körperliches Leid. Und da wir beim Handeln gegen die Einheit verschiedene Arten unterscheiden können, so mag auch die Krankheit - als Resultat dieses Handelns - in unterschiedliche Hauptgruppen eingeteilt werden, je nach ihrer Ursache. Schon das Wesen einer Krankheit wird ein nützlicher Hinweis zur Entdeckung der Art von Verhalten sein, die gegen das göttliche Gesetz von Liebe und Einheit verstoßen hat. Wenn wir in uns genügend Liebe zu allen Wesen und Dingen besitzen, dann können wir keinem Leid zufügen, denn diese Liebe würde uns von jeder solcher Handlung und unser Denken von jedem Gedanken abhalten, der einen anderen verletzen könnte. Diesen Zustand der Vollkommenheit haben wir noch nicht erreicht; hätten wir es, dann brauchen wir diese Existenz auf Erden nicht mehr. Aber wir alle streben und entwickeln uns diesem Zustand entgegen, und jene, die an Gemüt und Körper leiden, werden eben durch dieses Leid dem Idealzustand entgegen geführt; und wenn wir es nur richtig verstehen, beschleunigen wir nicht nur unsere Schritte zu jenem Ziel, sondern ersparen uns auch Krankheit und Not. Wenn die Lektion verstanden und der Fehler beseitigt ist, brauchen wir das Korrektiv nicht mehr. Wir müssen immer daran denken, daß Leiden an sich wohltätig ist, in dem es uns darauf hinweist, wenn wir falsche Wege beschreiten, und in dem es so unsere Entwicklung ihrer herrlichen Vollendung entgegen beschleunigt. Die eigentlichen Grundkrankheiten des Menschen sind Fehler wie Stolz, Grausamkeit, Haß, Unwissenheit, Unsicherheit , Selbstsucht und Habgier; jeder dieser Züge wird sich bei näherer Betrachtung als gegen die Einheit gerichtet erweisen. Fehler wie diese sind die wirklichen Krankheiten, und ein Beibehalten solcher Mängel über jenes Stadium der Entwicklung hinaus, in dem wir sie als falsch erkannt haben, ist es, was im Körper schädliche Folgen verursacht, die wir dann als Krankheiten erleben. Stolz ist in erster Linie darauf zurück zu führen, daß wir die Kleinheit unserer Persönlichkeit und ihre völlige Abhängigkeit von der Seele nicht erkennen und daß jeder Erfolg, den sie vielleicht erringt, nicht aus ihr selbst stammt, dondern ein Segen ist, den die Göttlichkeit im Innern schenkt; zweitens auf den mangelnden Sinn für Proportionen, der einem den Blick auf die eigene Winzigkeit im Vergleich zum ganzen Schöpfungsplan nimmt. Da der Stolz sich nicht in Bescheidenheit und Ergebenheit dem Willen des großen Schöpfers unterwerfen will, verursacht er Handlungen, die gegen diesen göttlichen Willen gerichtet sind. Grausamkeit bedeutet Leugnung der Einheit aller und fehlendes Verständnis dafür, daß jegliche Handlung, die gegen einen anderen gerichtet ist, im Gegensatz zum Ganzen steht und daher eine Handlung gegen die Einheit ist. Keiner würde sich grausam gegen jene verhalten, die ihm lieb und nahe sind. Nach dem Gesetz der Einheit müssen wir wachsen, bis wir erkennen, daß jeder als Teil des Ganzen uns lieb und nahe ist, bis selbst jene, die uns verfolgen, nur noch Empfindungen der Liebe und Sympathie in uns hervorrufen können. Haß ist das Gegenteil von Liebe, die Umkehrung des Gesetzes der Schöpfung. Haß widerspricht dem göttlichen Plan und leugnet den Schöpfer; er verleitet uns zu Handlungen und Gedanken, die der Einheit feindlich sind und das Gegenteil dessen, was die Liebe gebietet. Eigenliebe wiederum ist ebenfalls eine Verleugnung der Einheit und der Verpflichtung gegenüber unseren Mitmenschen; sie veranlaßt uns, Eigeninteressen über das Wohl der Menschheit und die Sorge und den Schutz für jene zu stellen, die um uns sind.

Unwissenheit ist das Versäumnis zu lernen, die Weigerung, die Wahrheit zu sehen, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet, und sie führt zu vielen falschen Handlungen, die nur im Dunkel bestehen können und unmöglich werden, wenn uns das Licht von Wahrheit und Wissen umgibt. Unsicherheit, Unentschiedenheit und mangelhafte Zielstrebigkeit kommen auf, wenn die Persönlichkeit sich weigert, sich vom höheren Selbst leiten zu lassen, und sie führen dazu, daß wir andere durch unsere Schwäche verraten. Ein solcher Zustand wäre nicht möglich, wenn wir das Wissen um die unbesiegbare, unüberwindliche Göttlichkeit in uns trügen, die wir in Wirklichkeit selbst sind. Habgier führt zu Machtgier. Sie ist eine Leugnung der Freiheit und Individualität jeder Seele. Statt zu erkennen, daß jeder von uns hier ist, um sich auf seine eigene Weise frei zu entwickeln, allein nach den Geboten seiner Seele, um seine Individualität zu entfalten und frei und ungehindert zu wirken, verlangt die von Habgier beherrschte Persönlichkeit, zu befehlen, zu formen und zu bestimmen, die Macht des Schöpfers an sich zu reißen. Das sind Beispiele wirklicher Krankheit, die den Ursprung und Grundlage aller unserer Leiden und Nöte sind. Jeder dieser Mängel wird, wenn wir ihm gegen die Stimme des höheren Selbst stattgeben, einen Konflikt erzeugen, der sich unausweichlich im Körper widerspiegelt und die ihm eigentümliche Art von Beschwerden zeigt. Jetzt erkennen wir, daß jede Art von Krankheit, an der wir leiden mögen, uns zur Entdeckung des Fehlers führen kann, der ihr zugrunde liegt. Stolz zum Beispiel, die Frucht von Arroganz und Starrheit im Denken, wird Krankheiten erzeugen, die Starrheit und Steifheit im Körper mit sich bringen. Schmerz ist die Folge von Grausamkeit; durch ihn lernt der Patient im eigenen Leiden, anderen kein Leid zuzufügen, sei es Körperliches oder Seelisches. Die Strafe für Haß besteht in Einsamkeit, heftigen, unbeherrschten Temperamentsausbrüchen, nervlichen Belastungen und hysterischen Zuständen. Die Krankheiten des Sich-nach-innen-Wendens -Neurose, Neurasthenie und ähnliche-, die dem Leben so viel von seiner Freude nehmen, sind durch zu starke Eigenliebe verursacht. Unwissenheit und mangelnde Klugheit führen unmittelbar zu Schwierigkeiten im Alltagsleben; weigert man sich darüber hinaus beharrlich, die Wahrheit zu sehen, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet, sind Kurzsichtigkeit und Beeinträchtigung von Sehkraft und Hörvermögen die natürlichen Konsequenzen. Ein labiles Gemüt führt zwangsläufig zu der gleichen Eigenschaft im Körperlichen, das heißt zu verschiedenen Störungen, die Bewegung und Koordination beeinträchtigen. Die Folge von Habgier und Herrschsucht sind Krankheiten, die den Leidenden zum Sklaven seines eigenen Körpers machen, seine Absichten und Wünsche werden dann durch die Krankheit gezügelt und behindert. Weiterhin bleibt aber der von Beschwerden betroffene Teil des Körpers nicht dem Zufall überlassen, sondern er wird ebenfalls nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung bestimmt. Somit trägt auch er dazu bei, uns auf unseren Fehler aufmerksam zu machen und uns zu helfen. Das Herz beispielsweise, der Quell des Lebens und damit der Liebe, wird angegriffen, wenn die Liebe zum Mitmenschen in unserem Wesen nicht recht entfaltet oder falsch gebraucht wird; eine kranke Hand ist ein Hinweis auf eine falsche Handlung oder das Unterlassen der Richtigen. Das Gehirn, unser Kontrollzentrum, ist betroffen, wenn unsere Persönlichkeit zu sehr außer Kontrolle geraten ist. Solche Folgen stellen sich nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung ein. Wir alle kennen die schweren Folgen, die ein gewaltätiger Temperamentsausbruch nach sich ziehen kann, oder den Schock nach einer plötzlichen schlechten Nachricht. Wenn solch geringe Angelegenheit den Körper so beeinflussen können - wieviel ernster und tiefgreifender muß sich dann ein lange bestehender Konflikt zwischen Seele und Körper auswirken? Ist es da noch ein Wunder, daß wir heutzutage so viele und schwere Krankheiten und Nöte zu beklagen haben? Doch es gibt noch keinen Grund zur Verzweiflung. Krankheit läßt sich verhüten und heilen, wenn wir den Mangel in uns selbst entdecken und dadurch ausmerzen, daß wir jene Tugend entwickeln, die den Mangel vernichtet. Dies ist nicht zu erreichen, indem wir den Mangel bekämpfen, sondern indem wir die ihm entgegen gestellte Tugend in so mächtigem Maße entfalten, daß sie den Mangel aus unserem Wesen hinwegfegt.

Wir stellen also fest, daß es nichts Zufälliges in Bezug auf Krankheiten gibt, auch nicht bezüglich der Art und der Stelle der Krankheit. Wie alle anderen Formen von Energie folgt auch die Krankheit dem Gesetz von Ursache und Wirkung. Gewisse Leiden können durch unmittelbare körperliche Einflüsse hervorgerufen werden - zum Beispiel durch Gifte, Unfälle und Verletzungen, auch durch grobe Exzesse -, aber im allgemeinen gilt, daß Krankheit auf einen grundlegenden Mangel in unserem Wesen zurück zu führen ist, wie in den bereits angeführten Beispielen gezeigt wurde. Deshalb müssen zu einer vollständigen Heilung nicht nur physische Mittel eingesetzt werden- wobei die jeweils besten Methoden zu wählen sind, die im Bereich der Heilkunst bekannt sind -, sondern wir selbst müssen uns auch nach ganzem Vermögen bemühen, den entsprechenden Mangel in unserem Wesen zu beseitigen. Die endgültige und vollkommene Heilung nämlich kommt letztlich von innen, von der Seele selbst, die mit ihrer Harmonie die ganze Persönlichkeit durchstrahlt, wenn man sie nicht daran hindert. Wie es eine tiefe Grundursache aller Krankheiten gibt, nämlich Eigenliebe, so gibt es auch eine sichere Methode zur Linderung allen Leidens, nämlich die Umkehr der Eigenliebe in Nächstenliebe, Hingabe an andere. Wenn wir uns nur genügend darin üben, uns der Liebe und Fürsorge für unsere Mitmenschen hinzugeben, wenn wir uns auf das herrliche Abenteuer einlassen, Wissen zu erwerben und anderen zu helfen, dann gelangen unsere persönlichen Kümmernisse und Leiden rasch zu einem Ende. Das ist das große, höchste Ziel: die Eigeninteressen zum Wohle und im Dienste der Menschheit zu verlieren. Es kommt nicht darauf an, an welchen Platz im Leben unsere Göttlichkeit uns gestellt hat. Ob wir Händler oder Handwerker sind, reich oder arm, König oder Bettler: allen ist es möglich, die Aufgabe ihrer jeweiligen Berufung auszuführen und dabei ein Segen zu sein für die Menschen ihrer Umgebung, denen sie die göttliche, geschwisterliche Liebe mitteilen. Die meisten von uns haben noch eine gewisse Wegstrecke vor sich, bis sie diesen Zustand der Vollendung erreichen. Allerdings ist es erstaunlich, wie rasch der einzelne auf seinem Weg vorangelangt, wenn er sich wirklich anstrengt - vorausgesetzt, er legt sein Vertrauen nicht allein in seine schwache Persönlichkeit, sondern baut fest darauf, daß er durch das Beispiel und die Lehren der großen Meister unserer Welt lernt, sich mit seiner eigenen Seele zu vereinen, der Göttlichkeit im Innern; dann werden alle Dinge möglich. Die meisten von uns haben einen oder mehrere Mängel, die unsere Weiterentwicklung besonders behindern, und so gilt es, gerade diesen Fehler oder Mangel heraus zu finden und sich im Bestreben, die Liebe in unserem Wesen zu entfalten und auszuweiten, zugleich zu bemühen, jenen Mangel hinweg zu fegen durch die Kraft der gestärkten, ihm entgegen gesetzten Tugend. Dies ist zu Beginn vielleicht etwas schwierig, aber nur zu Beginn, denn dann zeigt sich, wie erstaunlich rasch eine aus dem Herzen unterstützte Tugend wachsen kann, und mit ihr das Wissen, daß mit der Hilfe der innewohnenden Göttlichkeit - wenn wir nur Ausdauer beweisen - ein Versagen ausgeschlossen ist. Während die universelle Liebe in uns wächst, erkennen wir immer mehr, daß jedes Menschenwesen, wie bescheiden es uns auch vorkommt, ein Kind des Schöpfers ist und eines Tages, zur gegebenen Zeit, zur Vollkommenheit gelangen wird, wie wir alle es für uns selbst erhoffen. Wie niedrig auch immer ein Mensch oder ein Geschöpf erscheinen mag, müssen wir uns doch daran erinnern, daß ein göttlicher Funke in seinem Wesen ruht, der langsam, aber sicher wachsen wird, bis die Herrlichkeit des Schöpfers auch sein Wesen durchstrahlt. Darüber hinaus ist die Frage von richtig oder falsch, gut oder böse nur relativ. Was in der natürlichen Entwicklung eines Steinzeitmenschen richtig ist, wäre für weiter entwickelte Angehörige unserer Zivilisation falsch, und was bei Menschen unseresgleichen als Tugend gilt, wäre vielleicht bei einem, der die Stufe der spirituellen Jüngerschaft erreicht hat, fehl am Platze. Was wir als falsch oder böse bezeichnen, ist in Wirklichkeit etwas Gutes am falschen Platz, unsere Wertungen sind nur relativ. Wir wollen uns also darüber im klaren sein, daß auch unser Maßstab von Idealismus relativ ist. Den Tieren müssen wir wohl als wahrhafte Götter erscheinen, während wir, so wie wir sind, weit unterhalb der großen weißen Bruderschaft der Heiligen und Märtyrer stehen, die alles hingegeben haben, um uns ein Beispiel zu sein.

Deshalb müssen wir auch den Geringsten Mitgefühl und Sympathie zeigen, denn selbst wenn wir uns weit über deren Ebene empor entwickelt fühlen, sind wir dennoch gering und haben noch eine weite Reise vor uns, bis wir die Stufe unserer älteren Geschwister erreichen, deren Licht die Welt zu allen Zeiten durchstrahlt hat. Wenn uns Stolz erfaßt, wollen wir versuchen zu erkennen, daß unsere Persönlichkeit aus sich heraus nichts ist. Sie ist unfähig, irgendeine gute Leistung oder einen annehmbaren Dienst zu vollbringen oder den Mächten der Finsternis zu widerstehen, wenn sie nicht von jenem Licht unterstützt wird, das von oben kommt, dem Licht unserer Seele. Wir wollen uns bemühen, einen winzigen Blick auf das Allvermögen und die unvorstellbare Macht unseres Schöpfers zu erhaschen, der in einem Wassertropfen eine vollkommene Welt erschafft und Milchstraßen und ganze Universen hervortreten läßt. Wir wollen versuchen zu erkennen, daß wir ganz und gar von Ihm abhängig sind und Ihm Bescheidenheit schulden. Wir lernen, unseren menschlichen Vorgesetzten Respekt und Achtung entgegen zu bringen - wie unendlich viel mehr sollten wir unsere eigene Schwäche in äußerster Demut vor dem großen Architekten und Baumeister des Universums anerkennen! Wenn Grausamkeit oder Haß uns den weiteren Weg versperren, wollen wir daran denken, daß Liebe das Fundament der Schöpfung ist, daß in jeder lebenden Seele etwas Gutes ist und daß selbst die Besten unter uns etwas Schlechtes bergen. Indem wir darauf bedacht sind, in anderen das Gute zu sehen - selbst in jenen, die uns zunächst abstoßen -, werden wir lernen, zumindest etwas Sympathie und die Hoffnung zu entwickeln, daß sie einen besseren Weg finden mögen; später erwächst dann der Wunsch, ihnen auf diesem Weg zu helfen. Schließlich werden wir alle durch Liebe und Sanftheit gewinnen, und wenn wir diese beiden Eigenschaften genügend entwickelt haben, wird uns nichts mehr angreifen können, weil wir immer Mitgefühl zeigen und keinen Widerstand mehr entgegensetzten werden. Nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung nämlich ist es der Widerstand, der den Schaden anrichtet. Unser Ziel im Leben heißt, den Geboten unseres höheren Selbst zu folgen, ohne uns durch die Einflüsse anderer davon abbringen zu lassen. Dieses Ziel können wir nur erreichen, wenn wir sanftmütig unseren eigenen Weg gehen und uns dabei nie in das persönliche Leben eines anderen einmischen oder durch Grausamkeit und Haß ihm auch nur die geringste Verletzung zufügen. Wir müssen lernen, alle anderen zu lieben, selbst wenn wir dabei zunächst mit nur einen Menschen oder einem Tier anfangen. Dann lassen wir unsere Liebe wachsen und sich über einen größeren und weiteren Bereich ausdehnen, bis die ihr entgegen stehenden Mängel von selbst verschwinden. Liebe erzeugt Liebe, wie Haß Haß erzeugt. Die Heilung von Eigenliebe erreichen wir, indem wir uns nach außen den Mitmenschen zuwenden mit der Fürsorge und Aufmerksamkeit, mit der wir uns selbst bedenken. Dann wird uns ihr Wohlergehen so beschäftigen, daß wir uns selbst darüber vergessen. Es gilt, wie ein großer Orden der Bruderschaft es ausdrückt, den Trost unseres eigenen Kummers anzustreben, indem wir unseren Mitgeschöpfen Linderung und Tröstung in der Stunde ihrer Not zukommen lassen. Dies ist die zuverlässigste Methode, die Eigenliebe und die ihr folgenden Störungen zu kurieren. Unsicherheit läßt sich durch Entwicklung von Selbstbestimmung und Zielstrebigkeit ausmerzen: indem man sich klar wird, Entschlüsse faßt und mit Bestimmtheit durchführt, anstatt zu zögern und zu schwanken. Selbst wenn wir am Anfang zuweilen Fehler machen, ist es doch besser, zu handeln, als aus Unentschiedenheit gute Gelegenheiten verstreichen zu lassen. Die Entschlossenheit wird bald wachsen, die Angst, sich kopfüber ins Leben zu stürzen, wird verschwinden, und die so gesammelten Erfahrungen werden uns befähigen, bessere Entscheidungen zu treffen. Um Unwissenheit auszuschalten, sollten wir uns vor neuen Erfahrungen nicht fürchten, sondern mit wachem Sinn und offenen Augen und Ohren jedes Wissensteilchen in uns aufnehmen, das wir erhaschen können. Zugleich müssen wir in unserem Denken beweglich bleiben, damit nicht vorgefaßte Meinungen und Überzeugungen von früher uns die Möglichkeit rauben, weiteres Wissen zu erwerben. Wir sollten jederzeit bereit sein, unseren Horizont zu erweitern, und nicht an einem bestimmten Gedanken festzuhalten - ganz gleich, wie fest er verwurzelt ist -, wenn wir eine umfassende Wahrheit kennenlernen, die ihn ablösen kann.

Wie der Stolz ist auch die Habgier ein großes Hindernis auf dem Entwicklungsweg, und so müssen beide rücksichtslos ausgemerzt werden. Die Folgen der Habgier sind ernst, denn sie verleiten uns, in die Seelenentwicklung anderer Menschen einzugreifen. Wir müssen erkennen, daß jeder Mensch hier ist, um seinem eigenen Entwicklungsweg zu folgen nach den Geboten seiner Seele, und nur seiner Seele, und keiner von uns darf irgend etwas anderes tun, als seinen Nächsten bei dieser Entwicklung zu unterstützen. Wir müssen ihm helfen zu hoffen und, wenn es in unserer Macht steht, sein Wissen vermehren und Gelegenheit fördern, die zu seinem Weiterkommen beitragen. So wie wir wünschten, daß andere uns beim steilen und beschwerlichen Aufstieg unseres Lebensweges helfen, wollen wir immer bereit sein, eine helfende Hand zu reichen und unsere größere Erfahrung den jüngeren oder schwächeren Mitmenschen zur Verfügung zu stellen. Dies sollte die Einstellung von Eltern zum Kind, vom Meister zum Gesellen oder von Kamerad zu Kamerad sein: Fürsorge, Liebe und Schutz zu geben, soweit sie notwendig und hilfreich sind, aber keinen Augenblick die naturgemäße Entfaltung der Persönlichkeit zu stören, da diese nach den Geboten der Seele zu erfolgen hat. Die meisten von uns sind während der Kindheit und Jugend ihrer Seele viel näher als in späteren Jahren. Wir haben dann oft klarere Vorstellungen von unserer Lebensaufgabe, von den Leistungen, die von uns erwartet werden, und von den Charakterzügen, die wir zu entfalten haben. Der Grund dafür ist, daß der Materialismus und die Umstände unserer Zeit sowie die Persönlichkeiten, mit denen wir uns umgeben, dazu beitragen, daß wir von der Stimme unseres höheren Selbst abgelenkt werden und uns fest an das Gewöhnliche mit seinem Mangel an Idealen binden, das in unserer Zivilisation nur allzu deutlich offenbar ist. Mögen die Eltern, der Meister und der Kamerad immer bestrebt sein, das Wachsen des höheren Selbst zu unterstützen, wenn sie das wunderbare Vorrecht und die Gelegenheit haben, einen Einfluß auf andere auszuüben; aber sie mögen anderen immer die Freiheit lassen, die sie selbst für sich erhoffen. So können wir also alle Mängel in uns aufspüren und sie ausmerzen, indem wir die entgegen gesetzte Tugend entwickeln und damit die Ursache des Konfliktes zwischen Seele und Persönlichkeit aus unserem Wesen beseitigen, die der tiefste Grund für die Krankheit ist. Dies allein wird - wenn der Patient Vertrauen und Kraft besitzt - Erleichterung, Gesundheit und Freude bringen und bei jenen, die nicht so stark sind, die Arbeit des Arztes beträchtlich unterstützen, um das gleiche Ergebnis zu erzielen. Wir müssen gewissenhaft lernen, nach Maßgabe der Gebote unserer Seele Individualität zu entwickeln, niemanden zu fürchten und darauf zu achten, daß keiner uns in der Entfaltung unseres Wesens stört oder uns abbringt von der Erfüllung unserer Pflicht und der Hilfeleistung für unsere Mitmenschen. Denn je weiter wir voran kommen, desto mehr werden wir zum Segen für jene, die um uns sind. Wir müssen besonders auf der Hut sein, anderen - ganz gleich, wer es ist - nur dann zu helfen, wenn der Wunsch, zu helfen, dem Gebot unserer Seele, unseres inneren Selbst entspringt und nicht von einem falschen Pflichtgefühl herstammt, das uns von irgend jemandem eingeredet worden ist. Das ist eine der Tragödien, die wir unseren modernen Konventionen zu verdanken haben, und man kann unmöglich ermessen, wieviel Tausende von Leben sie behindert, wie viele Myriaden von Gelegenheiten sie verbaut, wieviel Kummer und Leid sie verursacht und wie viele Menschen sie gezwungen hat, aus Pflichtgefühl heraus viele Jahre lang pflegebedürftige Eltern zu versorgen, deren einzige Krankheit in Wirklichkeit in ihrer Gier nach Aufmerksamkeit und Zuwendung bestand. Man denke an das Heer von Männern und Frauen, die davon abgehalten wurden, vielleicht etwas Großes und Nützliches für die Menschheit zu leisten, weil sie von einem Menschen mit Beschlag belegt wurden, von dem Abstand zu nehmen und Freiheit zu gewinnen sie nie den Mut aufgebracht haben. Man denke an die Kinder, die zu Beginn ihres Lebens ihre Berufung vernehmen und annehmen, und dann auf Grund schwieriger Umstände, falscher Ratschläge oder mangelnder Zielstrebigkeit in einen anderen Lebensbereich abgleiten, wo sie weder glücklich noch in der Lage sind, jenen Entwicklungsweg zu beschreiten, der für sie bestimmt war. Allein die Stimme unseres Gewissens kann uns sagen, wie und wem wir dienen sollten und ob unsere Pflicht einem einzigen oder vielen gilt. Aber wie die Antwort auch lauten mag: Wir sollten diesem Gebot folgen, bis zum äußersten unserer Fähigkeiten.

Schließlich sollten wir uns nicht fürchten, ins Leben einzutauchen. Wir sind hier, um Erfahrungen und Wissen zu sammeln, und wir werden nur wenig lernen, wenn wir uns nicht der Realität stellen und uns bis zum Äußersten bemühen. In jedem Bereich des Lebens können wir Erfahrungen erwerben, und die Wahrheiten der Natur und der Menschheit lassen sich ebenso erfolgreich - vielleicht sogar besser - auf dem Lande wie mitten im Lärm und Getriebe der Großstadt erlernen. Eingriffe in die Persönlichkeit können diese davon abhalten, den Weisungen des höheren Selbst zu folgen, und führen oft zu einem Mangel an Individualität. Da dieser Mangel bei der Entstehung von Krankheit eine so große Rolle spielt und häufig schon früh im Leben seinen Anfang nimmt, wollen wir nun die tatsächliche Beziehung zwischen Erzeuger und Kind, zwischen Lehrer und Schüler betrachten. Die Aufgabe der Elternschaft, die in der Tat als ein göttliches Privileg betrachtet werden sollte, ist in erster Linie, einer Seele die Möglichkeit geben, im Interesse ihrer Weiterentwicklung in diese Welt einzutreten. Wenn man es richtig sieht und versteht, gibt es vermutlich kein großartigeres Vorrecht für den Menschen, bei der körperlichen Geburt einer Seele zu helfen und mit der Pflege der jungen Persönlichkeit während der ersten Jahre ihres Erdendaseins betraut zu sein. Die Einstellung der Eltern sollte deshalb ganz darauf gerichtet sein, dem kleinen Neuankömmling nach allerbestem Vermögen alles zu geben, was er geistig, gedanklich und körperlich an Geleit braucht. Die Eltern sollten immer im Sinne haben, daß das Menschlein eine individuelle Seele ist, auf die Erde herab gekommen, um ihre eigenen Erfahrungen zu sammeln und auf eigene Weise Wissen zu erwerben nach den Geboten ihres höheren Selbst, und ihr deshalb soviel wie möglich Freiheit lassen für ihre ungehinderte Entfaltung. Der göttliche Dienst der Elternschaft sollte so hoch - vielleicht noch höher - geachtet werden wie jede andere große Pflicht, zu der wir aufgerufen sind. Da dieser Dienst Opfer verlangt, sollten wir immer daran denken, daß nichts, was auch immer es sein möge, vom Kinde zurück erwartet werden darf; es geht allein darum, zu geben und nur zu geben: sanfte Liebe, Schutz und Geleit, bis die Seele die junge Persönlichkeit selbst lenken kann. Unabhängigkeit, Individualität und Freiheit sollten von Anfang an vermittelt werden, und man sollte das Kind anregen, so früh wie möglich damit zu beginnen, selbst zu denken und zu handeln. Die elterliche Kontrolle sollte Schritt für Schritt abgebaut werden, während sich die kindliche Fähigkeit zur Selbständigkeit entfaltet, und später sollten keine einschränkenden Pflichtgefühle den Eltern gegenüber die Seele des Kindes behindern. Die Elternschaft ist eine Aufgabe, die von Generation zu Generation weiter gegeben wird, und dabei geht es im wesentlichen darum, daß eine Zeitlang Geleit und Schutz gewährt werden. Danach hat diese Funktion zurückzutreten, und die Eltern sollen das Ziel ihrer Aufmerksamkeit, ihr Kind, freigeben, damit es allein weitergehen kann. Es sei daran erinnert, daß das Kind, dessen Schutz uns vorübergehend anvertraut ist, eine viel ältere und reifere Seele sein kann als wir selbst, daß es uns geistig längst über den Kopf gewachsen sein mag, und so sollten sich Kontrolle und Schutz auf die Bedürfnisse der jungen Persönlichkeit beschränken. Die Elternschaft ist eine heilige Pflicht, die ihrem Wesen nach an die nächste Generation weiter gegeben wird. Sie bringt nichts anderes als Dienen mit sich und erwartet keinerlei Gegenleistung, außer daß die Jungen dereinst die gleiche Pflicht gegenüber der nächsten Generation erfüllen werden. Eltern sollten sich besonders vor dem Verlangen hüten, die junge Persönlichkeit nach ihren eigenen Vorstellungen oder Wünschen zu formen, und sich jeder unangebrachten Bevormundung oder Forderung von Gefälligkeiten als Gegenleistung für ihre natürliche Pflicht und ihr göttliches Vorrecht enthalten. Jedes Machtstreben, jeder Versuch, das junge Leben aus eigenen Motiven heraus zu formen, ist eine schreckliche Art der Habgier, der nie stattgegeben werden darf, denn wenn sich solche Gedanken in den jungen Eltern verfestigen und Wurzeln schlagen, werden sie sie in späteren Jahren zu regelrechten Vampiren entarten lassen. Wenn sich auch nur das geringste Machtstreben zeigt, muß es im Keim erstickt werden. Wir dürfen nicht zulassen, daß uns die Hab- und Machtgier versklavt und in uns den Wunsch weckt, andere zu beherrschen. Wir müssen in uns selbst das Geben fördern und diese Kunst entwickeln, bis die Opferbereitschaft jede Spur von schädlichem Handeln beseitigt hat.

Auch der Lehrer sollte immer daran denken, daß es nur seine Aufgabe ist, Vermittler zu sein, der den jungen Menschen Geleit und Gelegenheit gibt, die Dinge der Welt und des Lebens zu erlernen. Jedes Kind soll auf seine eigene Weise Wissen aufnehmen und instinktiv auswählen können, was für den Erfolg seines Lebens notwendig ist. Deshalb gilt auch hier, daß nicht mehr als die behutsame Anleitung gegeben werden sollte, damit der Schüler imstande ist, das Wissen zu erwerben, das er braucht. Kinder sollten im Sinne behalten, daß die Aufgabe der Elternschaft ein göttliches Sinnbild der schöpferischen Kraft ist, daß sie aber keine Einschränkungen der Entwicklung und keine Verpflichtungen verlangt, die das Leben und Wirken behindern, das ihnen die eigene Seele gebietet. Man kann unmöglich das immense Leiden in unserer Zeit, die innere Verkrüppelung von Menschenwesen und das Anwachsen herrschsüchtiger Charaktere abschätzen, die auf mangelnde Erkenntnis dieser Umstände zurück zu führen sind. Fast in jeder Familie sind Eltern wie Kinder damit beschäftigt, sich ihre eigenen Gefängnisse zu bauen, weil sie von falschen Beweggründen angetrieben und in unrichtigen Vorstellungen der Eltern-Kind-Beziehung gefangen sind. Solche Gefängnisse nehmen die Freiheit, verkrampfen das Leben, behindern die naturgemäße Entwicklung und bringen allen Betroffenen Unglück. Die mentalen, nervösen und sogar körperlichen Störungen, die daraus entstehen, bilden einen sehr großen Teil der Krankheit unserer Zeit. Man kann gar nicht klar genug sagen, daß jede Seele zu dem spezifischen Zweck hier auf Erden verkörpert ist, Erfahrungen und Verständnis zu gewinnen und ihre Persönlichkeit nach dem Maßstab der ihr innewohnenden Ideale zu vervollkommnen. Ganz gleich, welcher Art unsere Beziehung zueinander auch ist, sei es Mann und Frau, Eltern und Kind, Bruder und Schwester, Meister und Geselle: wir versündigen uns gegenüber unserem Schöpfer und gegen unseren Mitmenschen, wenn wir aus persönlicher Motivation heraus die Entwicklung einer anderen Seele behindern. Unsere einzige Pflicht besteht darin, den Geboten unseres Gewissens zu folgen, und dieses wird niemals auch nur einen Augenblick lang die Beherrschung einer anderen Persönlichkeit zulassen. Jedermann soll wissen, daß seine Seele eine bestimmte Aufgabe für ihn vorgesehen hat, und solange er diese Aufgabe nicht erfüllt - auch wenn ihm dies gar nicht bewußt ist -, wird er unausweichlich einen Konflikt zwischen seiner Seele und Persönlichkeit verursachen, der sich dann notwendigerweise in Gestalt körperlicher Störungen niederschlägt. Nun mag es wohl sein, daß jemand dazu berufen ist, sein ganzes Leben einem anderen zu widmen, aber bevor er dies in Angriff nimmt, soll er zuerst absolut sicher sein, daß dies ein Gebot seiner Seele ist und nicht die Empfehlung einer fremden, dominierenden Persönlichkeit, die ihn dazu überredet, oder ein falsches Pflichtgefühl, das ihn irreleitet. Er soll auch wissen, daß wir in diese Welt kommen, um Schlachten zu schlagen, um Kraft gegen jene zu gewinnen, die uns beherrschen wollten, und um jene Stufe zu erreichen, auf der wir ruhig und bedacht unsere Pflicht erfüllen und unerschrocken und unbeeinflußt von irgendeinem anderen lebenden Wesen durchs Leben gehen, immer geleitet von der Stimme unseres höheren Selbst. Für sehr viele wird der größte Kampf in ihrem eigenen Heim stattfinden: Bevor sie die Freiheit erlangen, Siege in der Welt davon zu tragen, müssen sie sich erst von der nachteiligen Beherrschung und Kontrolle durch einen sehr nahen Verwandten losreißen. Jeder Mensch, sei er erwachsen oder ein Kind, der sich aus den dominierenden Einflüssen eines anderen zu befreien hat, sollte zweierlei bedenken: Erstens sollte er diesen Möchtegern-Unterdrücker in der gleichen Weise sehen wie einen Gegner im Sport: als eine Persönlichkeit, mit der wir gemeinsam am Spiel des Lebens teilnehmen, ohne die geringste Spur von Bitterkeit. Hätten wir nicht solche Mitstreiter, dann hätten wir keine Gelegenheit, unseren eigenen Mut, unsere eigene Individualität zu entfalten. Zweitens: Die wirklichen Siege im Leben erwachsen aus Liebe und Sanftheit, und so sollte in einem solchen Wettstreit keinerlei Gewalt eingesetzt werden. Durch stetiges Hineinwachsen in unser eigenes Wesen, durch Üben von Mitgefühl, Sympathie, Freundlichkeit und, falls möglich, Zuneigung - oder besser noch: Liebe - gegenüber dem anderen können wir uns so entwickeln, daß es uns im rechten Moment möglich ist, ganz sanft und ruhig dem Ruf unseres Gewissens zu folgen, ohne die geringste Einmischung zu erlauben. Jene aber, die dominieren, brauchen viel Hilfe und Anleitung, um die Wahrheit als große, universelle Wahrheit zu erkennen und um die Freude der geschwisterlichen Verbundenheit mit allen zu erfassen. Daran vorbei zu gehen heißt, am wahren Glück im Leben vorbei zu gehen, und wir müssen jenen Menschen helfen, soweit es in unserer Macht steht.

Schwäche auf unserer Seite, die jenen erlaubt, ihren Einfluß auszuweiten, wird ihnen nur schaden; eine sanfte, aber bestimmte Weigerung, sich von ihnen beherrschen zu lassen, und eine Bemühung, ihnen die Erkenntnis der Freude des Gebens zu vermitteln, werden ihnen auf ihrem nach oben führenden Weg helfen. Das Erlangen unserer Freiheit, das Gewinnen unserer Individualität und Unabhängigkeit, wird in den meisten Fällen viel Mut und Vertrauen verlangen. Aber in den dunkelsten Stunden, wenn der Erfolg geradezu unmöglich scheint, wollen wir immer daran denken, daß Gottes Kinder sich niemals fürchten sollten und daß unsere Seelen uns nur solche Aufgaben anvertrauen, die wir erfüllen können. Mit dem Mut und Vertrauen auf die innewohnende Göttlichkeit muß der Sieg all jenen zuteil werden, die nicht ablassen, danach zu streben. Wenn wir, liebe Brüder und Schwestern, nun erkennen, daß Liebe und Einheit die großen Fundamente unserer Schöpfung sind, daß wir selbst Kinder der göttlichen Liebe sind und daß der ewige Sieg über alles Falsche und alles Leiden durch Sanftheit und Liebe zu erreichen ist - wenn wir all dieses erkennen, wo finden wir in diesem Bild der Schönheit dann noch einen Platz für Vivisektion und Tierversuche? Sind wir denn immer noch so primitiv, so heidnisch zu glauben, daß wir uns durch Tieropfer vor den Folgen unserer eigenen Fehler und Schwächen retten könnten? Vor zweieinhalb Jahrtausenden zeigte Buddha der Welt, daß es falsch ist, andere Geschöpfe zu opfern. Die Menschheit steht schon tief in der Schuld des Tierreiches, dessen Angehörige sie gequält und vernichtet hat. Daraus können nur Schaden und Schmerzen für Menschen und Tiere erwachsen, niemals Nutzen oder Vorteile. Wie weit haben wir im Westen uns von jenen schönen Idealen unserer Mutter, dem alten Indien, entfernt, als die Liebe zu den Geschöpfen der Erde so groß war, daß Menschen ausgebildet und begabt dazu waren, sich nicht nur um die Krankheiten und Verletzungen der Säugetiere, sondern auch der Vögel zu kümmern. Darüber hinaus gab es große heilige Zufluchtsstätten für Lebewesen aller Art, und die Menschen waren so sehr gegen das Verletzen einer niederen Kreatur, daß jedem, der auf Jagd ging, die ärztliche Hilfe verweigert wurde, wenn er selbst krank war, bis er gelobte, solchen Praktiken zu entsagen. Wir wollen die Menschen nicht verurteilen, die die Vivisektion durchführen, denn viele von ihnen arbeiten mit wahrhaft humanitären Absichten in dem Hoffen und Bestreben, einen Weg zur Linderung des menschlichen Leidens zu finden. Ihre Motivation mag gut sein, aber ihre Weisheit läßt zu wünschen übrig, und sie haben nur wenig Einsicht in den Grund des Lebens. Die Motivation jedoch, wie richtig sie auch sei, ist nicht genug; sie muß mit Weisheit und Wissen verbunden sein. Von den Schrecknissen der Tierversuche, die mit Schwarzer Magie verwandt sind, wollen wir nicht erst schreiben, sondern jedes Menschenwesen anflehen, sie als zehntausendmal schlimmer als jede Plage zu meiden, denn sie sind eine Sünde gegen Gott, Mensch und Tier. Abgesehen von diesen ein oder zwei Ausnahmen gibt es keinen Grund, sich mit dem Versagen der modernen medizinischen Wissenschaft länger aufzuhalten. Zerstörung ist unnütz, solange wir nicht ein besseres Gebäude neu errichten, und da in der Medizin die Fundamente für das neuere Gebäude bereits gelegt sind, soll unsere Aufmerksamkeit darauf gerichtet sein, diesem Tempel ein oder zwei Steine hinzu zu fügen. Auch die ablehnende Kritik an der heutigen Berufsausbildung hat keinen Wert: Es ist vor allem das System, das falsch ist, und nicht die Menschen. Das System mit seinen wirtschaftlichen Zwängen läßt dem Arzt nicht die nötige Zeit für eine ruhige, friedliche Behandlung und nicht die Gelegenheit zur notwendigen Meditation, Besinnung und Dankbarkeit, die jeder braucht, der sein Leben dem Dienst an Kranken widmet. Wie schon Paracelsus sagte, kümmert sich der weise Arzt um fünf, nicht um fünfzehn Patienten am Tag - ein Ideal, das in unserer Zeit für den durchschnittlichen praktischen Arzt nicht erreichbar ist. Das Heraufdämmern einer neuen und besseren Heilkunst steht uns bevor. Vor über hundert Jahren war die Homöopathie Hahnemanns der erste morgendliche Lichtstrahl nach einer langen Nacht der Finsternis, und sie kann in der Medizin der Zukunft eine große Rolle spielen. Weiterhin ist die Aufmerksamkeit, die man zur Zeit der Verbesserung der Lebensbedingungen und der Bereitstellung reinerer und sauberer Nahrung widmet, ein Fortschritt in Richtung auf die Verhütung von Krankheit.

Und jene Bewegungen, die die Menschen auf die Zusammenhänge zwischen spirituellen Mängeln und Krankheit sowie auf die Heilung, die durch Vervollkommnung des Geistes erreichbar ist, hingewiesen, deuten uns den Weg zum Kommen jenes strahlenden Sonnenlichtes an, in dessen Glanz das Dunkel der Krankheit verschwinden wird. Wir wollen daran denken, daß die Krankheit ein gemeinsamer Feind ist und daß jeder von uns, der auch nur einen Bruchteil von ihr besiegt, damit nicht nur sich selbst, sondern der ganzen Menschheit hilft. Eine bestimmte Energiemenge muß aufgewendet werden, bevor die Niederlage des Feindes besiegelt ist; jeder Einzelne von uns möge danach streben, dieses Ziel zu erreichen, und Jene, die größer und stärker sind als die anderen, mögen nicht nur ihren Teil dazu beitragen, sondern auch ihren schwächeren Geschwistern materiell beistehen. Es liegt auf der Hand, daß wir die Ausbreitung von Krankheit zu allererst dadurch verhindern können, daß wir aufhören das zu tun, was ihre Macht ausweitet. Weiterhin gilt es, jene Mängel aus unserem eigenen Wesen zu entfernen, die ein weiteres Eindringen des Feindes ermöglichen. Das zu erreichen bedeutet wirklich den Sieg; wenn wir dann uns selbst befreit haben, besitzen wir die Freiheit, anderen zu helfen. Und dies ist nicht so schwierig, wie es auf den ersten Blick vielleicht erscheint. Es wird von uns nur erwartet, daß wir unser Bestes tun, und wir wissen, daß dies für uns alle möglich ist, wenn wir nur den Geboten unserer Seele folgen. Das Leben verlangt keine unvorstellbaren Opferleistungen von uns; wir sollen mit Freude im Herzen unseren Weg gehen und ein Segen sein für jene, die um uns sind, damit die Welt, wenn wir sie einmal verlassen, ein klein wenig besser durch uns geworden ist; dann haben wir unsere Aufgabe erfüllt. Die Lehre der Religionen lautet, wenn wir sie recht verstehen: Entsage allem und folge mir nach. Das bedeutet, daß wir uns selbst ganz und gar aufgeben sollen zugunsten der Gebote unseres höheren Selbst, nicht jedoch, wie manche sich vielleicht vorstellen könnten, daß wir Haus und Behaglichkeit, Liebe und Luxus aufgeben - dies hätte mit der Wahrheit nur sehr wenig zu tun. Der Fürst eines Reiches mit all der Herrlichkeit seines Palastes könnte ein Gottgesandter sein und ein Segen für sein Volk, für sein Land - ja, sogar für die Welt; und wieviel wäre verloren, hätte dieser Fürst sich eingebildet, seine Pflicht geböte es, sich in ein Kloster zurück zu ziehen. In jedem Bereich des Lebens, vom Niedrigsten bis zum Höchsten, müssen Stellen besetzt werden, und der göttliche Führer unseres Schicksals weiß, an welchen Platz er uns zu unserem Besten stellen wird. Alles, was von uns erwartet wird, ist, daß wir unsere Aufgabe freudig und gut erfüllen. Es gibt Heilige in der Fabrik und im Maschinenraum eines Schiffes ebenso wie unter den Würdenträgern religiöser Orden. Keiner von uns hier auf Erden ist gefordert, mehr zu tun, als in seinen Kräften steht, und wenn wir trachten, das Beste in uns zu erlangen, und uns immer von unserem höheren Selbst leiten lassen, sind Gesundheit und Glück für jeden von uns erreichbar. Die westliche Zivilisation ist während des größten Teils der vergangenen zweitausend Jahre durch ein Zeitalter des tiefen Materialismus gegangen, und die Erkenntnis der spirituellen Seite unseres Wesens und Seins ging in jener Geisteshaltung weithin verloren, da sie westlichen Besitz, Ehrgeiz, Lust und Vergnügen über die wahren Werte des Lebens stellte. Der eigentliche Grund der Existenz des Menschen auf Erden wurde verdeckt durch die das Verlangen, aus seiner Inkarnation nichts als weltlichen Gewinn heraus zu holen. Es war eine Zeit, in der das Leben sehr schwierig war, weil echter Trost, Ermutigung und Aufbau gefehlt haben, die durch das Erkennen größerer Dinge als weltlicher erwachsen. Während der letzten Jahrhunderte erschienen die Religionen vieler Menschen viel eher als Legenden, die keinen Bezug zum täglichen Leben hatten, statt der Mittelpunkt ihres Daseins zu sein. Anstatt jede unserer Handlungen zu lenken und anzuregen, hat uns das wahre Wesen unseres höheren Selbst, zu dem das Wissen um das frühere und das weitere Leben - unabhängig vom Gegenwärtigen - gehört, nur sehr wenig bedeutet. Vielmehr haben wir die großen Dinge gemieden und versucht, uns das Leben so bequem wie möglich zu machen, indem wir das Metaphysische aus unserem Denken ausgeschlossen und uns ganz auf irdische Freuden gestürzt haben, die uns als Ausgleich für alle Nöte und Schicksalsschläge dienen sollten. So sind Stellung, Rang, Wohlstand und weltlicher Besitz über die Jahrhunderte zum Ziel menschlichen Strebens geworden, und da all diese Dinge vergänglich sind und sich nur erwerben und festhalten lassen durch viel ängstliche Sorge und Konzentration auf materielle Dinge, sind der tatsächliche innere Frieden und das Glück der vergangenen Generationen unendlich weit unter das gesunken, was der Menschheit zusteht. Der wahre Frieden von Seele und Gemüt ist mit uns, wenn wir geistig voran schreiten, und er läßt sich nicht allein erwerben durch Anhäufen weltlichen Wohlstandes, ganz gleich, wie groß dieser auch sei. Aber die Zeiten ändern sich, und es gibt zahlreiche Anzeichen dafür, daß unsere Zivilisation dabei ist, das Zeitalter des reinen Materialismus hinter sich zu lassen und sich den Realitäten und Wahrheiten des Universums zu öffnen. Das sich heute abzeichnende allgemeine und rasch anwachsende Interesse am Wissen um transzendente Wahrheiten, die zunehmende Zahl jener, die Informationen über das Leben vor und nach dem derzeitigen wünschen, die Etablierung von Methoden zur Krankheitsbekämpfung durch Glauben und geistige Mittel, die Suche nach antiken Lehren und der Weisheit des Ostens - all dies sind Anzeichen dafür, daß die Menschen unserer Zeit einen Schimmer der Realität der Dinge geschaut haben. Wenn wir dann zu Fragen der Heilkunde kommen, können wir verstehen, daß auch diese mit dem Wandel der Zeit Schritt halten muß. Statt der Methoden des großen Materialismus braucht sie die Methoden einer Wissenschaft, die auf der Realität basiert und von den gleichen göttlichen Gesetzen gelenkt wird wie unser eigenes Wesen. Die Heilkunde wird aus der Domäne rein physischer Behandlungsmethoden des Körpers weiter schreiten zu spirituellem und mentalem Heilen. Durch Wiederherstellung der Harmonie zwischen Seele und Gemüt wird sie die Grundursache der Krankheit entfernen und dann auch jene physischen Mittel zulassen, die vielleicht noch notwendig sind, um die Heilung des Körpers zu vervollständigen. Wenn der medizinische Berufsstand diese Fakten nicht erkennt und nicht mitgeht mit der wachsenden Geistigkeit der Menschen, ist es durchaus möglich, daß die Kunst des Heilens in die Hände religiöser Orden oder jener geborenen Heiler übergeht, die es in jeder Generation gibt, die aber bisher mehr oder weniger unauffällig gelebt haben und von der Einstellung der orthodoxen Mediziner daran gehindert wurden, ihrer natürlichen Berufung nachzugehen. Somit wird der Arzt der Zukunft zwei große Ziele haben. Das erste wird sein, dem Patienten zur Kenntnis über sich selbst zu verhelfen und ihn auf die fundamentalen Fehler hinzuweisen, die er begehen kann, die Mängel seines Charakters, die er kurieren sollte, und die Unzulänglichkeiten in seinem Wesen, die ausgemerzt und durch die entgegen gesetzten Tugenden ersetzt werden müssen. Solch ein Arzt muß sich eingehend mit dem Studium der Gesetze, die den Menschen beherrschen, sowie mit dem Wesen der Menschen selbst beschäftigen, damit er bei denen, die an ihn heran treten, jene Faktoren erkennen kann, die einen Konflikt zwischen Seele und der Persönlichkeit hervor gerufen haben. Er muß imstande sein, dem Leidenden zu raten, wie er am besten die erforderliche Harmonie herstellen kann, welche Arten des Handelns gegen die Einheit er aufgeben und welche notwendigen Tugenden er entwickeln muß, um seine Fehler auszugleichen. Jeder einzelne Fall wird eine sorgfältige Betrachtung erfordern, und nur jene, die einen großen Teil ihres Lebens dem Studium des Menschen gewidmet haben und deren Herz von dem Verlangen zu helfen erfüllt ist, werden diesen herrlichen und göttlichen Dienst für die Menschheit erfüllen können: die Augen des Leidenden zu öffnen und ihn über den Grund seines Seins aufzuklären, ihm Hoffnung zu vermitteln, Trost zu spenden und Vertrauen zu wecken, die ihm helfen werden, seine Krankheit zu besiegen. Die zweite Pflicht des Arztes wird darin bestehen, solche Heilmittel zu verabfolgen, die dem materiellen Körper helfen, Kraft zu gewinnen, und dem Geist helfen, ruhig zu werden, seinen Horizont zu weiten und nach Vollkommenheit zu streben; die also Frieden und Harmonie in die ganze Persönlichkeit einkehren lassen. Solche Heilmittel gibt es in der Natur, wo sie die Gnade des göttlichen Schöpfers zu Heilung und Trost der Menschheit entstehen ließ. Einige dieser Heilmittel sind bekannt, und weitere werden zur Zeit von Ärzten in verschiedenen Teilen der Welt gesucht, besonders in unserer Mutter Indien. Es besteht kein Zweifel daran, daß wir im Zuge dieser Forderung viel von dem Wissen, das schon vor über zweitausend Jahren bekannt war, zurück gewinnen werden. Der Heiler der Zukunft wird wieder die wunderbaren, natürlichen Heilmittel zu seiner Verfügung haben, die dem Menschen von Gottes Hand geschenkt wurden, um seine Krankheit zu heilen.

Somit wird das Verschwinden der Krankheit davon abhängen, daß der Mensch die Wahrheit der unveränderlichen Gesetze unseres Universums erkennt und sich selbst in Demut und Gehorsam nach diesen Gesetzen richtet. So wird er Frieden schaffen mit seiner Seele, woraus ihm wahre Freude und echtes Glück im Leben erwachsen werden. Der Arzt wird dann die Aufgabe haben, jedem Leidenden zur Erkenntnis der Wahrheit zu verhelfen und ihm die Wege zu weisen, auf denen er zur Harmonie gelangen kann. Er wird ihm das gläubige Vertrauen auf seine innewohnende Göttlichkeit geben, die alles überwinden kann, und ihm solche Mittel verabreichen, die zur Harmonisierung der Persönlichkeit und zur Heilung des Körpers beitragen. Damit kommen wir zu der alles entscheidenden Frage: Wie können wir uns selbst helfen? Wie können wir unseren Geist und Körper in jenem Zustand der Harmonie erhalten, der es der Krankheit schwer oder unmöglich macht, uns anzugreifen - denn es ist gewiß, daß eine Persönlichkeit ohne Konflikte gegen Krankheit immun ist. Betrachten wir zunächst den Geist. Wir haben schon ausführlich darüber gesprochen, daß es notwendig ist, in sich nach Fehlern zu forschen, durch die wir gegen die Einheit handeln und die Harmonie mit den Geboten der Seele verlieren, und diese Fehler auszumerzen, indem wir die entgegen gesetzten Tugenden entwickeln. Das ist möglich nach den Richtlinien, die bereits aufgezeigt wurden, und eine ehrliche Selbstprüfung wird uns die Art und Beschaffenheit unserer Fehler enthüllen. Unsere geistigen Ratgeber, unsere wahren Ärzte und nahen Freunde sollten uns helfen können, ein wahrheitsgemäßes Bild von uns selbst zu gewinnen, aber die optimale Methode, Klarheit zu finden, ist ruhiges Nachsinnen und Meditation. Wir begeben uns dabei in eine Atmosphäre des Friedens, so daß unsere Seele durch die Stimme des Gewissens und der Intuition zu uns sprechen kann und uns nach ihren Wünschen anzuleiten vermag. Wir sollten uns nur ein wenig Zeit jeden Tag dafür nehmen, in der wir ganz allein und in möglichst stiller Umgebung sind, ungestört bleiben und einfach still dasitzen oder liegen und entweder unseren Geist leer werden lassen oder ruhig an unsere Aufgabe im Leben denken. Dann werden wir nach einiger Zeit feststellen, daß wir in solchen Augenblicken große Hilfe erhalten und blitzartige Erkenntnisse und innere Weisungen aufnehmen. Wir können beobachten, daß die Fragen nach den schwierigen Problemen im Leben unfehlbar beantwortet werden, und wir können voll Vertrauen die Wahl des rechten Weges treffen. Während solcher Zeiten der Stille sollten wir den aufrichtigen Wunsch im Herzen tragen, der Menschheit zu dienen und nach den Geboten unserer Seele zu handeln. Es sei daran erinnert: Wenn der Fehler gefunden ist, besteht das Heilmittel nicht darin, daß man ihn bekämpft oder Willenskraft aufwendet und Energie, um das Falsche zu unterdrücken, sondern in einer steten Entwicklung der entgegen gesetzten Tugend, die automatisch alle Spuren des Feindes aus unserem Wesen beseitigt. Das ist die wahre und natürliche Methode des Fortschrittes und des Sieges über das Falsche; sie ist bei weitem einfacher und wirksamer als der Kampf gegen einen bestimmten Fehler. Gegen einen Mangel zu kämpfen heißt, seine Macht zu stärken; das hält unsere Aufmerksamkeit auf seine Anwesenheit gerichtet und verwickelt uns tatsächlich in den Kampf. Das meiste, was wir an Erfolg dann erwarten können, ist der Sieg durch Unterdrückung, der doch alles andere als befriedigt, da der Feind noch immer bei uns ist und sich, wenn wir einen Augenblick Schwäche zeigen, von neuem erheben kann. Den Mangel zu vergessen und bewußt danach streben, die Tugend auszubilden, die ihn unmöglich machen wird, ist der echte Weg zum Sieg. Findet sich zum Beispiel Grausamkeit in unserem Wesen, könnten wir unaufhörlich sagen: Ich will nicht grausam sein! Und uns so davon abhalten, in dieser Beziehung einen Fehler zu machen. Der Erfolg dieser Methode hängt aber davon ab, wie stark wir mit unserem Denken sind, und sollte unser Vorsatz einmal nachlassen, so könnten wir ihn einen Augenblick aus dem Sinn verlieren. Wenn wir aber echte Sympathie zu unseren Mitmenschen entwickeln, dann wird diese Tugend ein für allemal jegliche Grausamkeit unmöglich machen, da wir entsetzt vor ihr zurück weichen auf Grund unseres Empfindens für Mitmenschen. Dabei handelt es sich nicht um Unterdrückung oder Verdrängung, und kein verborgener Feind kann aus seinem Versteck hervor kommen, wenn wir einmal nicht auf der Hut sind, weil unsere Symphathie die Möglichkeit jeder Handlung, die einen anderen verletzen könnte, ganz und gar aus unserem Wesen ausgemerzt hat.

Wie wir schon zuvor gesehen haben, wird die Art unserer körperlichen Krankheit dazu beitragen, uns auf die mentale Disharmonie hinzuweisen, die die Grundursache für ihre Entstehung ist. Ein weiterer wichtiger Faktor des Erfolgs ist, daß wir Lust am Leben haben und unser Hiersein nicht nur als eine Pflicht ansehen, die wir mit soviel Geduld wie möglich zu ertragen haben, sondern eine wirkliche Freude am Abenteuer unserer Reise durch die Welt entwickeln. Vielleicht eine der größten Tragödien des Materialismus ist die Entwicklung von Langeweile und der Verlust wahren inneren Glücks. Der Materialismus lehrt die Menschen, Zufriedenheit und Ausgleich für ihre Schwierigkeiten in irdischen Vergnügen und Freuden zu suchen. Diese jedoch vermögen nie mehr als nur zeitweiligen Vergessen unserer Probleme zu verschaffen. Wenn wir einmal anfangen, den Ausgleich für unsere Nöte aus der Hand des bezahlten Hofnarren zu suchen, setzen wir einen Teufelskreis in Bewegung. Unterhaltung und Leichtfertigkeit sind für uns alle gut, aber nicht, wenn wir uns ständig darauf verlassen, daß sie uns von allen Schwierigkeiten befreien. Weltliche Vergnügungen jeder Art müssen in ihrer Intensität dauernd gesteigert werden, um weiterhin zu fesseln, und was gestern noch Spannung erzeugte, ist morgen schon langweilig. So gehen wir auf die Suche nach anderen, stärkeren Erregungen, bis wir übersättigt sind und auch aus diesen keine Hilfe mehr erlangen. Auf die eine oder andere Weise macht das Vertrauen auf weltliche Zerstreuung aus jedem von uns einen Faust. Auch wenn wir es vielleicht bewußt nicht ganz erkennen, wird das Leben für uns nur wenig mehr als eine zu erduldende Pflicht - und all seine wahre Lust und Freude, wie sie das Erbe eines jeden Kindes sein und bis in unsere letzten Stunden aufrecht erhalten bleiben sollten, verlassen uns. Ein extremes Stadium haben wir heute mit den wissenschaftlichen Bemühungen um eine Verjüngung erreicht, um die Verlängerung des natürlichen Lebens und eine Steigerung sinnlicher Vergnügungen durch teuflische Praktiken. Der Zustand der Langeweile ist verantwortlich dafür, daß wir viel mehr Krankheit in uns herein lassen, als man allgemein erkennt, und da dies heutzutage schon recht früh im Leben beginnt, werden diese hereingelassenen Krankheiten schon in frühem Lebensalter sichtbar. Ein solcher Zustand kann nicht eintreten, wenn wir die Wahrheit unserer Göttlichkeit anerkennen - unserer Sendung in der Welt - und damit die Freude besitzen, Erfahrungen zu sammeln und anderen zu helfen. Das Gegenmittel zur Langeweile ist ein aktives und lebhaftes Interesse an allen, die um uns sind, eine Beschäftigung mit dem Leben, mit unseren Mitmenschen und mit den Begebenheiten. Es gilt die Wahrheit zu erkennen, die hinter allem steht, uns selbst zu verlieren, um Wissen und Erfahrung zu gewinnen, und nach Gelegenheiten Ausschau zu halten, bei denen wir das Gelernte zum Wohle eines Mitreisenden einsetzen können. So wird jeder Augenblick unserer Arbeit und unseres Spiels den Eifer zu lernen mit sich bringen, das Verlangen, wahre Dinge zu erleben, echte Abenteuer und Handlungen, die den Einsatz wert sind. Während wir diese Fähigkeiten entwickeln, werden wir feststellen, daß wir die Kraft wiedererlangen, Freude aus den kleinsten Begebenheiten zu erfahren, aus Geschehnissen, die wir früher als selbstverständlich, als alltäglich und belanglos betrachtet haben und die uns nun zu einem Anlaß werden, weiter zu forschen und zu erleben. In den einfachsten Dingen des Lebens nämlich - den einfachen, weil sie der großen Wahrheit näher sind - ist die wahre Freude zu finden. Resignation macht einen zum bloßen unaufmerksamen Passagier auf der Reise des Lebens und öffnet die Tür für unzählige widrige Einflüsse, die nie Zutritt erlangen könnten, solange unser tägliches Leben den Geist und die Freude des Abenteuers widerspiegelt. Ganz gleich, an welchen Platz wir gestellt sind, ob als Arbeiter in eine Stadt mit ihren wimmelnden Menschenmassen oder als einsamer Schafhirte auf die Berge: Wir wollen uns bemühen, Gleichgültigkeit in Interesse zu verwandeln, stumpfsinnige Pflicht in eine fröhliche Erfahrung und das tägliche Leben in ein intensives Studium der Menschen und der großen, fundamentalen Gesetze des Universums. An jedem Platz gibt es reichlich Gelegenheit, die Gesetze der Schöpfung zu beobachten, sei es nun in den Bergen und Tälern oder mitten unter den Menschen. Laßt uns zuerst das Leben in ein ungemein fesselndes Abenteuer verwandeln, in dem es keine Langeweile mehr geben kann, und aus dem so gewonnenen Wissen heraus danach streben, unseren Geist in Harmonie mit unserer Seele zu bringen und mit der großen Einheit der Schöpfung Gottes. Eine weitere fundamentale Hilfe für uns ist, alle Angst abzulegen. Angst hat in Wirklichkeit keinen Platz im natürlichen Menschenreich, da die uns innewohnende Göttlichkeit, die unser Selbst ist, unbesiegbar und unsterblich ist.

Wenn wir das erkennen, gibt es nichts mehr, vor dem wir uns als Kinder Gottes zu fürchten brauchen! In materialistischen Zeiten wächst die Angst natürlich mit den irdischen Besitztümern, seien es solche des Körpers selbst oder äußerer Reichtum. Wenn unsere Welt aus solchen Dingen besteht, die so vergänglich sind, so schwierig zu erlangen und so unmöglich, auch nur kurze Zeit festzuhalten, dann veranlaßt uns das zur höchsten Besorgnis: Wir könnten eine Gelegenheit versäumen, sie festzuhalten. So müssen wir notwendigerweise in einem Zustand der Angst leben, sei er uns bewußt oder nicht. Denn wir wissen in unserem inneren Selbst, daß solche Besitztümer jeden Augenblick wieder von uns genommen werden könnten; wir können sie ohnehin höchstens ein kurzes Menschenleben lang festhalten. In unserer Zeit hat sich die Furcht vor Krankheit entwickelt, bis sie zu einer mächtigen, schädlichen Kraft geworden ist, die jenen Dingen, die wir fürchten, Tür und Tor öffnet und ihnen das Eindringen erleichtert. Solche Angst beruht in Wirklichkeit nur auf Selbstsucht, denn wenn wir ernsthaft um das Wohl anderer bemüht sind, gibt es keine Zeit, sich noch um persönliche Leiden Kummer zu machen. Die Angst spielt heutzutage eine sehr wichtige Rolle bei der Verbreitung von Krankheit, und die moderne Wissenschaft hat die Herrschaft des Schreckens noch ausgebreitet, indem sie Entdeckungen in der breiten Öffentlichkeit bekannt macht, die im derzeitigen Stadium bloße Halbwahrheiten sind. Die Kenntnisse über Bakterien und andere Krankheitserreger haben im Denken ungezählter Menschen ein Chaos angerichtet, und die Angst, die dadurch entstanden ist, hat sie viel anfälliger für Krankheiten werden lassen. Während niedere Formen des Lebens, zum Beispiel Bakterien, tatsächlich bei der Entstehung von Krankheiten eine Rolle spielen können, sind sie doch keinesfalls die ganze Wahrheit dieses Problems, wie man wissenschaftlich oder durch alltägliche Ereignisse beweisen kann. Es gibt nämlich einen Faktor, den die Wissenschaft auf materiell-körperlicher Grundlage nicht erklären kann, und zwar warum manche Menschen von Krankheiten betroffen, andere aber unbehelligt bleiben, obwohl beide das gleiche Ansteckungsrisiko eingegangen sind. Die materialistische Denkweise übersieht, daß es einen Faktor jenseits der körperlichen Ebene gibt, der einen Menschen vor Krankheiten aller Art schützt oder ihn dafür anfällig macht. Die Angst, die unser Denken lähmt und damit Disharmonie in unserem materiellen und magnetischen Körper erzeugt, ebnet der Invasion den Weg. Wenn Bakterien und dergleichen materielle Dinge die sichere und einzige Ursache von Krankheit wären, dann hätten wir in der Tat allen Grund, uns zu fürchten. Wenn wir uns aber vor Augen halten, daß selbst bei den schlimmsten Seuchen nur ein Teil jener Menschen, die der Ansteckung ausgesetzt waren, tatsächlich erkrankt und daß - wir gesehen haben - die wahre Ursache der Krankheit in unserer eigenen Persönlichkeit und damit in unserer Kontrolle liegt, dann dürfen wir ohne Angst und Furcht einhergehen in dem Wissen, daß wir das Heilmittel in uns haben. Wir können alle Angst vor den rein materiellen Krankheitsursachen aus unserem Denken verbannen, indem wir uns klar machen, daß solche Angst uns nur anfällig macht. Wenn wir uns bemühen, Harmonie in unserer Persönlichkeit zu schaffen, brauchen wir uns nicht mehr Sorge um Krankheiten zu machen, als wir uns fürchten, vom Blitz erschlagen oder von einem Stück eines niedergehenden Meteoriten getroffen zu werden. Wenden wir uns nun der Betrachtung des physischen Körpers zu. Wir dürfen nie vergessen, daß dieser nur die irdische Wohnstatt der Seele ist, in der wir uns kurze Zeit aufhalten, um Erfahrung und Wissen in der Welt zu erwerben. Ohne uns allzusehr mit unserem Körper zu identifizieren, sollten wir ihn mit Achtung und Sorgfalt behandeln, damit er gesund bleibt und lange genug aushält, um unsere Arbeit zu tun. Keinen Augenblick jedoch, wollen wir ihn zu sehr beachten oder uns gar in ihm verlieren, sondern lernen, seiner Existenz so wenig bewußt zu sein wie möglich. Wir wollen den Körper als Gefährt unserer Seele gebrauchen und als Diener, der unseren Willen ausführt. Äußere und innere Reinlichkeit sind von großer Bedeutung. Für die erstere benutzen wir im Westen im allgemeinen zu heißes Wasser; es öffnet die Poren der Haut und läßt Schmutz herein. Darüber hinaus läßt der übertriebene Gebrauch von Seife die Hautoberfläche empfindlich werden und greift sie an. Kühles oder lauwarmes Wasser, sei es als Dusche oder als frisches Badewasser, ist natürlicher und hält den Körper gesünder.

Es sollte nur so viel Seife benutzt werden, wie notwendig ist, um offensichtlichen Schmutz abzulösen, und die Seife sollte man danach mit frischem Wasser abwaschen. Innere Reinlichkeit hängt von der Ernährung ab, und wir sollten all das auswählen, was sauber und naturbelassen ist und so frisch wie möglich, vor allem Obst, Gemüse und Nüsse. Tierisches Fleisch sollte man auf jeden Fall vermeiden, weil es viele Stoffwechselgifte im Leib entstehen läßt, zweitens, weil es einen unnormalen und übermäßigen Appetit anregt, und drittens, weil es Grausamkeit gegen das Tierreich verlangt. Reichlich Flüssigkeit sollten wir zu uns nehmen, um den Körper zu reinigen, das heißt Wasser und natürliche Weine und andere Erzeugnisse direkt aus der Natur unter Vermeidung aller künstlich hergestellten Getränke. Der Schlaf sollte nicht übertrieben lang sein, da viele von uns mehr Kontrolle über sich haben, während sie wach sind, als wenn sie schlafen. Die alte Redensart: 'Statt dich noch mal umzudrehn, ist es besser aufzustehn!' ist eine hervorragende Richtlinie. Die Kleidung sollte an Gewicht so leicht sein, wie es die Körpertemperatur zuläßt, sie sollte frische Luft an den Körper lassen, und Sonnenschein und frische Luft sollten überhaupt so oft wie möglich die Haut direkt erreichen. Wasser- und Sonnenbäder spenden sehr viel Gesundheit und Vitalität. Heiterkeit in allen Dingen sollte unterstützt werden, und wir sollten uns nie von Zweifeln und Niedergeschlagenheit bedrücken lassen. Statt dessen wollen wir uns daran erinnern, daß diese nicht aus uns selbst stammen, denn unsere Seele kennt allein Freude und Glück.

Wir sehen somit, daß unser Sieg über die Krankheit hauptsächlich von folgendem abhängt: erstens der Erkenntnis der unserem Wesen innewohnenden Göttlichkeit und daher unserer Macht, alles Falsche zu überwinden; zweitens dem Wissen, daß die Grundursache aller Krankheit zurückzuführen ist auf Disharmonie zwischen Persönlichkeit und Seele; drittens unserer Bereitschaft und Fähigkeit, den Fehler zu entdecken, der einen solchen Konflikt verursacht; und viertens der Beseitigung jedes solchen Fehlers durch Entwicklung der ihm entgegen gesetzten Tugend. Die Aufgabe der Heilkunst wird es sein, uns das notwendige Wissen und die Mittel zu geben, durch die wir unsere Krankheiten überwinden können, und darüber hinaus jene Heilmittel zu verabfolgen, die unseren mentalen und physischen Leib stärken und uns damit größere Möglichkeiten zum Sieg verschaffen. Dann werden wir in der Tat in der Lage sein, die Krankheit an ihrer Wurzel zu packen und dabei echte Hoffnung auf Erfolg zu haben. Die Medizin der Zukunft wird sich nicht mehr vornehmlich mit den äußerlichen Resultaten und Symptomen von Krankheit beschäftigen oder den akuten körperlichen Schäden soviel Aufmerksamkeit schenken wie bisher. Sie wird auch nicht Drogen und Chemikalien allein zum Zwecke der Betäubung unserer Symptome verschreiben. In dem Wissen um die wahre Ursache der Krankheit und in der Erkenntnis, daß die sichtbaren körperlichen Anzeichen nur sekundär sind, wird sie ihre Bemühungen darauf konzentrieren, daß jene Harmonie zwischen Körper, Geist und Seele geschaffen wird, die Linderung und Heilung der Krankheit nach sich zieht. Und in allen Fällen, die rechtzeitig genug behandelt werden, wird die Korrektur im Bereich des Geistes verhindern, daß eine drohende Erkrankung überhaupt zum Ausbruch kommt. Unter den verschiedenen Arten von Heilmitteln, die dann verwendet werden, werden sich solche befinden, die aus den schönsten Pflanzen und Kräutern gewonnen sind, die in der Apotheke der Natur wachsen und die aus göttlicher Hand mit Heilkräutern angereichert sind für Geist und Körper des Menschen. Wir müssen unsererseits Frieden, Harmonie, Individualität und Zielstrebigkeit üben und in zunehmendem Maße das Wissen in uns entwickeln, daß wir unserem Wesenskern nach göttlichen Ursprungs sind, Kinder des Schöpfers. Wir haben die Kraft in uns, die Vollkommenheit zu erreichen, wenn wir sie nur entfalten - was wir im Laufe der Zeit ohnehin tun müssen. Diese Erkenntnis muß in uns wachsen und zur Wirklichkeit werden, bis sie das herausragendste Merkmal unseres Daseins ist. Wir müssen beständig Frieden üben und uns vorstellen, daß unser Denken einem See gleicht, dessen Oberfläche immer still und unbewegt ist und ungestört bleibt.

Allmählich entwickeln wir diesen Zustand des Friedens, bis kein Ereignis im Leben, kein Umstand, keine andere Persönlichkeit unter irgendeiner Bedingung mehr in der Lage ist, die Oberfläche dieses Sees zu bewegen oder Gefühle wie Gereiztheit, Niedergeschlagenheit oder Zweifel in uns aufsteigen zu lassen. Es wird uns wesentlich helfen, wenn wir jeden Tag eine kurze Zeit reservieren, in der wir über die Schönheit des Friedens und die Vorzüge der Ruhe nachdenken und erkennen, daß wir weder durch Sorgen noch durch Hetzen etwas erreichen, sondern durch ruhiges, stilles Denken und Handeln mit allem Beginnen mehr Erfolg haben. Unser Verhalten in diesem Leben in Übereinstimmung zu bringen mit den Wünschen unserer Seele und in einem Zustand des Friedens so zu leben, daß die Unruhen und Störungen der Welt uns unbewegt lassen, ist wirklich eine große Errungenschaft und bringt uns jenen Frieden, der höher ist als die Vernunft. Auch wenn dies zuerst über unsere kühnsten Träume hinaus zu gehen scheint, ist es - wenn wir Geduld und Ausdauer aufbringen - doch im Bereich dessen, was jeder von uns erlangen kann. Nicht von allen wird verlangt, Heilige oder Märtyrer zu sein oder berühmt zu werden; den meisten von uns sind weniger auffällige Positionen zugewiesen. Aber von jedem wird erwartet, daß er die Freude und das Abenteuer des Lebens versteht und mit Heiterkeit die Aufgabe erfüllt, die ihm von der Göttlichkeit im Innern zugeordnet wurde. Für Jene, die krank sind, bedeuten innerer Frieden und Harmonie mit der Seele die größte Hilfe zur Genesung. Die Medizin und Krankenpflege der Zukunft werden der Förderung dieser Aspekte beim Patienten viel mehr Aufmerksamkeit schenken, als wir es heute tun in einer Zeit, in der wir den Verlauf einer Krankheitsgeschichte nicht anders als mit materialistischen Begriffen beurteilen können. Wir denken mehr an häufige Messungen der Körpertemperatur und andere Maßnahmen, die den Patienten eher stören, als der stillen Ruhe und Entspannung von Körper und Geist förderlich sind und so wesentlich zur Genesung beitragen. Es steht außer Zweifel, daß wir - wenn es uns gelingt, bei den ersten Anzeichen einer leichten Erkrankung auch nur einige wenige Stunden völliger Entspannung zu erreichen und in Harmonie mit unserem höheren Selbst zu gelangen - die Krankheit am Ausbruch hindern könnten. Wir brauchen dazu ja nur einen Bruchteil von Ruhe, die Christus seinen Jüngern in das Boot mitbrachte, als er der stürmischen See befahl: Schweig und verstumme. Unsere Einstellung zum Leben hängt von der Nähe unserer Persönlichkeit zur Seele ab. Je enger die Einheit ist, desto größer sind Harmonie und Frieden; desto klarer wird das Licht der Wahrheit scheinen und das strahlende Glück, das aus der Höhe stammt. Diese werden uns Beständigkeit geben und Festigkeit gegen die Schwierigkeiten und Schrecken der Welt, da sie ihre Wurzeln in der ewigen Wahrheit des Guten haben. Die Kenntnis der Wahrheit gibt uns auch die Gewißheit, daß die Ereignisse in der Welt, wie tragisch sie auch erscheinen mögen, doch nur ein vorübergehendes Stadium kennzeichnen in der Evolution des Menschen. Selbst die Krankheit ist an sich wohltätig und wirkt im Rahmen gewisser Gesetze, die letztlich Gutes hervor bringen sollen und einen ständigen Druck und Anreiz in Richtung Vollendung ausüben. Wer dieses Wissen besitzt, kann von Geschehnissen, die für andere eine Belastung sind, nicht berührt, nieder gedrückt oder erschüttert werden, und alle Unsicherheit, Angst und Verzweiflung verschwinden für immer. Wenn wir nur einen ständigen Kontakt, eine dauernde Einheit mit unserer eigenen Seele aufrecht erhalten können, mit unserem himmlischen Vater, dann ist die Welt tatsächlich ein Ort der Freude, und kein schädlicher Einfluß kann uns erreichen. Es ist uns nicht gestattet, die Größe unserer eigenen Göttlichkeit zu sehen oder die Großartigkeit unserer Bestimmung und der herrlichen Zukunft zu schauen, die vor uns liegt. Wenn wir das könnten, wäre das Leben keine Prüfung mehr, würde keine Anstrengung mehr verlangen und uns nicht mehr fordern. Unsere Tugend liegt darin, daß wir dem größten Teil jener gewaltigen Dinge gegenüber blind sind und doch das Vertrauen, den Glauben und den Mut haben, ein gutes Leben und die Schwierigkeiten dieser Erde zu meistern. Durch die Kommunion mit unserem höheren Selbst können wir jedoch jene Harmonie aufrecht erhalten, durch die wir alle weltlichen Widerstände überwinden, unsere Reise auf dem geraden Weg fortsetzen und unser Schicksal erfüllen, ohne uns von den Einflüssen erschrecken zu lassen, die uns in die Irre leiten wollen.

Als nächstes müssen wir Individualität entwickeln und uns von allen weltlichen Einflüssen frei machen, damit wir nur den Geboten unserer eigenen Seele folgen. Wir dürfen uns von Umständen oder anderen Menschen nicht berühren lassen, damit wir unsere eigenen Herren werden und unsere Barke über die rauhe See des Lebens steuern, ohne je das Ruder der Redlichkeit zu verlassen oder das Steuer unseres Schiffes fremden Händen zu überlassen. Wir müssen absolute und vollständige Freiheit gewinnen, so daß alles, was wir tun, jede Handlung - ja selbst jeder unserer Gedanken - seinen Ursprung in uns selbst hat. Dann können wir frei aus eigenem Antrieb leben und geben, aus eigenem Antrieb allein. Unsere größte Schwierigkeit in dieser Hinsicht besteht in der Verbindung mit Jenen, die uns in dieser Zeit am nächsten stehen, da die Ehrfurcht vor Konventionen, falschen Maßstäben und Pflichtgefühl so erschreckend weit reicht. Aber wir müssen unseren Mut steigern, der doch bei den meisten von uns groß genug ist, um scheinbar großen Dingen im Leben entgegenzutreten, dann jedoch versagt, wenn es um die Prüfungen im kleinen eigenen Bereich geht. Wir müssen fähig werden, unparteiisch zu bestimmen, was richtig oder falsch für uns ist, um in der Gegenwart eines Verwandten oder Freundes furchtlos zu handeln. Wie viele von uns sind große Helden in der äußeren Welt, aber Feiglinge zu Hause! Die Mittel, mit denen wir an der Erfüllung unseres Schicksals gehindert werden sollen, mögen sehr subtil sein - zum Beispiel die Vorspiegelung von Liebe und Zuneigung, ein falsches Pflichtgefühl, Methoden, die uns versklaven und fesseln an die Wünsche anderer; sie alle müssen erbarmungslos beseitigt werden. Die Stimme unserer eigenen Seele, und allein sie, muß beachtet werden, wenn es um unsere Aufgabe geht und wir uns nicht von den Menschen unserer Umgebung behindern lassen wollen. Die Individualität muß bis zum Äußersten entwickelt werden; wir müssen lernen, uns im Leben auf nichts anderes als auf Geleit, Weisung und Hilfe von unserer Seele zu verlassen, unsere Freiheit mit beiden Händen zu ergreifen und in die Welt einzutauchen, um jedes Teilchen Wissen und Erfahrung zu gewinnen, das wir erreichen können. Zugleich müssen wir aber auf der Hut sein, daß wir jedem anderen ebenfalls seine Freiheit lassen, nichts von anderen erwarten, sondern - im Gegenteil - immer bereit sein, ihnen eine Hand zu reichen, die ihnen aufhilft, wenn sie in Not und Schwierigkeiten sind. So wird jeder Mensch, dem wir im Laufe des Lebens begegnen - sei es Mutter, Mann, Kind, Fremder oder Freund -, zum Mitreisenden, und jeder von ihnen kann in seiner eigenen geistigen Entwicklung weiter oder weniger weit sein als wir selbst. Alle sind wir aber Mitglieder einer gemeinsamen Bruderschaft und Teil einer großen Gemeinschaft, die die gleiche Reise mit dem gleichen herrlichen Ziel vor Augen angetreten hat. Wir müssen standhaft in unserer Siegesgewißheit sein und unerschütterlich in dem Willen, den Berggipfel zu erreichen; keinen Augenblick wollen wir mit Bedauern über die Fehltritte auf unserem Wege vergeuden. Kein großer Aufstieg gelang je ohne Fehler und Rückschritte; wir müssen sie als Erfahrungen ansehen, die uns helfen, in Zukunft weniger häufig zu stolpern. Keine Gedanken an Irrtümer der Vergangenheit sollen uns je nieder drücken; sie sind vorbei und vergangen, aber das aus ihnen gewonnene Wissen wird uns helfen, ihre Wiederholung zu vermeiden. Wir müssen stetig voran und aufwärts schreiten, niemals etwas bedauern und niemals zurückblicken, denn selbst was erst eine Stunde hinter uns liegt, ist unwiederbringliche Vergangenheit, und die herrliche Zukunft liegt in strahlendem Licht vor uns. Alle Angst werfen wir von uns; sie sollte im menschlichen Gemüt nie einen Platz finden und ist nur möglich, wenn wir den Blick für unsere Göttlichkeit aus den Augen verlieren. Sie ist uns wesensfremd, weil wir, Kinder des Schöpfers und Funken des göttlichen Lebens, unbesiegbar sind, unzerstörbar und unbezwingbar. Krankheit erscheint uns grausam, weil sie falsches Denken und falsches Tun bestraft, das zu Grausamkeit gegenüber anderen führt. Deshalb ist es notwendig, die Liebe und Geschwisterlichkeit in unserem Wesen zu entwickeln, denn diese werden Grausamkeit in Zukunft unmöglich machen. Die Entwicklung der Liebe schenkt uns die Erkenntnis der Einheit, jener Wahrheit, daß jeder einzelne von uns ein Teil der einen großen Schöpfung ist. Die Ursache all unserer Schwierigkeiten - das Ich und die Absonderung - verschwindet, sobald die Liebe und das Wissen um die große Einheit Teil unseres Wesens werden.

Das Universum ist das sichtbare Antlitz Gottes; bei seiner Geburt ist es der wiedergeborene Gott, bei seinem Ende der höher entwickelte Gott. Das gleiche gilt für den Menschen: Sein Körper ist sein veräußerlichtes Selbst, eine im Äußeren sichtbare Offenbarung seines inneren Wesens; er ist Ausdruck seiner selbst, Materialisation der Eigenschaften seines Bewußtseins. In unserer westlichen Zivilisation haben wir ein strahlendes Beispiel der Vollkommenheit in Christus und seinen Lehren, die uns leiten. Er dient uns allen als Mittler zwischen unserer Persönlichkeit und der Seele. Seine Sendung auf Erden war, uns zu lehren, wie wir Harmonie und Kommunion mit unserem höheren Selbst erreichen können, mit unserem Vater im Himmel, und wie wir dadurch zur Vollkommenheit gelangen können in Übereinstimmung mit dem Willen des großen Schöpfers aller Dinge. So lehrten es auch Buddha und andere große Meister, die von Zeit zu Zeit auf die Erde kamen, um dem Menschen den Weg zur Vollendung zu zeigen. Es gibt keinen Kompromiß für die Menschheit. Die Wahrheit muß anerkannt werden, und der Mensch muß sich mit dem unendlichen Gesetz der Liebe seines Schöpfers vereinen. Und so, meine Brüder und Schwestern, kommt heraus in das herrliche Sonnenlicht der Erkenntnis eurer Göttlichkeit, und macht euch ernsthaft und unbeirrt daran, euch in den großen Plan des Glückes und seiner Verbreitung einzufügen, gemeinsam mit jener großen Schar der weißen Bruderschaft, deren ganzes Dasein Gehorsam ist gegenüber dem Wunsche Gottes und der es eine große Freude bedeutet, ihren jüngeren Geschwistern, den Menschen, zu dienen.'

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